Musik von ’68

 Anna Neumann

 

Die Musik trägt 1968 viel zum Lebensgefühl der revoltierenden Jugend bei. Sie ist ein wichtiges Sprachrohr für politische Ansichten und Weltanschauungen und mit dem Begriff ’68 untrennbar verwoben.

 

Die zwei großen und relativ neuen musikalischen Bewegungen 1968 sind Rock(Geschichte, Formen, Rockoper/oratorium, Rock im Untergrund) und Folk(Topical Songs, Liedermacher), auf Festivals erreichen sie ihren Höhepunkt. Dominierende MusikerInnen wie Joan Baez, Janis Joplin, Bob Dylan, The Beatles, The Rolling Stones, The Doors oder Jimi Hendrix haben bis heute ihre Spuren hinterlassen.

 

 

Rock

 

Geschichte: Die Rockmusik hat sich in ihrer relativ kurzen Geschichte in der ganzen Welt verbreitet, ein unüberschaubares Ausmaß an Kompositionen und musikalischen Ereignissen hervorgebracht und eine nie dagewesene Produktionsmaschinerie angekurbelt.
Die Geschichte der Rockmusik bis 1968 lässt sich grob in 4 Abschnitte

unterteilen:

 

Formen: Der größte Teil des Rock besteht aus Vokalmusik, vor allem aus dem strophischen Song. Er lehnt sich entweder an den zwölftaktigen Blues an oder benutzt eine zweigliedrige Strophenform mit einem Couplet und einem Refrain. Diese Grundform wird jedoch häufig variiert.

 

Rockoper/Rockoratorium: Die Rockoper ist eine mit Rockmusik vertonte Handlung. Die ersten Versuche wurzeln in der Musicaltradition: Werke wie VIET-ROCK und HAIR werden zur Rockmusik gezählt, weil sie versuchen, das Hippiemilieu und die Subkultur darzustellen - in einer geglätteten Weise. JESUS CHRIST SUPERSTAR bedient das Bedürfnis vieler Jugendlicher nach einer neu-mystischen Scheinreligiösität. Reinere Rockopern sin SF. SORROW von THE PRETTY THINGS, TOMMY von PETE TOWNSHEND und THE WHO und ARTHUR von THE KINKS. Rockopern erscheinen gewönlich nur auf Schallplatten, es fehlen Rezitative wie in einer klassischen Oper und die Werke wirken daher oft sehr bruchstückhaft.
Das Rockoratorium ist im Grunde ein CONCEPT ALBUM (ein ausgedehntes Rock-Werk auf Schallplatte) mit durchgehender Handlung, jedoch ohne Rollenverteilung sondern in Erzählform (z.B. ARK 2 von FLAMING YOUTH).

 

Die Rockmusik im Untergrund ’67 und ’68: Als UNDERGROUND wird in den späten 60ern die Musik jener US-Rockgruppen bezeichnet, deren Musik nicht von Kommerzsendern gespielt wird, sie hat großen Einfluss auf die weltweite Jugend- und Studentenbewegung:

DROGEN wie Hash und LSD, die nicht sucht-bildend wirken, werden von Anfang an im Underground zur Bewusstseinserweiterung propagiert und gewinnen im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung.

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Folk

 

Topical Songs: Fast alle Musiker des amerikanischen Folk - Revivals anfang der 60er, die eigene Texte und Lieder schreiben und aktuelle gesellschaftliche Probleme kritisch in Angriff nehmen, gelten als Interpreten der Topical Songs, z.B. PHIL OCHS, TOM PAXTON oder BOB DYLAN. Für PEETE SEEGER ist jeder gute Folk Song eine Topical Song, da er sich den Veränderungen der Umwelt immer wieder anpasst. Der Topical Song, der oft fälschlicherweise statt als AKTUELLES LIED als "Protestlied" übersetzt wird, findet seinen Höhepunkt in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Er gibt oft persönliche Erfahrungen aus dem sozialen Umfeld des Autors wieder.

 

Liedermacher: Ist die Bezeichnung für Topical - Song - Autoren im deutschsprachigen Raum, der Begriff wurde von Wolf Biermann in Anlehnung an Bert Brecht als Stückeschreiber eingeführt. Meistens wird das Wort "Liedermacher" in einem sehr positiven, ehrlichen und unkommerzionellen Sinn gebraucht. Es wird auf Flugblattliedermacher, Straßenmusiker, Chansonniers (Mey...) und vor allem auf Wolf Biermann, F.J. Degenhart, Hannes Wader und Ekkes Frank angewandt.

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Politik und Rock/Folk

Musik selbst kann nicht politisch sein, sie kann sich jedoch in den Dienst politischer oder weltanschaulicher Auffassungen und Bestrebungen stellen. Dazu dienen v.a. der SONGTEXT und das AUFTRETEN des Musikers in der Öffentlichkeit (natürlich auch das Design von Plattencover etc.)

Die 60er sind v.a. in den USA für kritische Parolen und Aktivitäten besonders günstig, es werden Themen wie die BÜRGERRECHTSBEWEGUNG oder der VIETNAM-KRIEG angesprochen. In der New Yorker Szene überwiegt eine anarchistische Handlung (David Peel and The Lower Eastside...), die Folk-Bewegung will mit ihren Topical Songs Missstände durch konstruktive, gemeinschaftsbezogene Kritik beheben.

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MusikerInnen von ’68

 

Joan Baez: * 9. 1. 1941 in Staten Island, New York;

Von ihren Eltern übernimmt Joan Baez ein ausgeprägtes Rechtsbewusstsein und das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe erfährt sie den Rassismus am eigenen Leib.

1 Jahr nachdem sie angefangen hat Musik zu machen, wird sie 1959 auf dem Newport Folk Festival auf die Bühne geholt - zu diesem Zeitpunkt beginnt ihr Aufstieg zur erfolgreichsten Folk-Sängerin der 60er. Sie steht als Sängerin stets in Verbindung mit politischer Aktivität und lässt sich dabei von einer nicht immer widerspruchsfreien Emotionalität leiten. Sie bleibt - im Gegensatz zu ihrem Freund Bob Dylan - immer an die Bewegung für gewaltlosen Widerstand gebunden und versucht die Gesellschaft zu verändern.

 

Bob Dylan: * 24.5.1941 in Duluth, Minnesota;

Bob Dylan versucht sich schon als Kind auf Klavier, Mundharmonika und Gitarre, später gründet er eine Rock’n’ Roll Band und singt gelegentlich in Kneipen zu seiner Gitarre. Als er nach Greenwich Village zieht lernt er die Szene um PETE SEEGER und RAMBLIN’JACK ELLIOT kennen und bekommt anfang der 60er von John Hammond einen Plattenvertrag für COLUMBIA. 1962 bringen Bob Dylan Stücke wie BLOWING IN THE WIND, DON’T THINK TWICE... oder MASTERS OF WAR den endgültigen Durchbruch, er wird ein Teil der politisch-sozialen Bewegung. Er ist der Höhepunkt des Newport Folk Festivals, wendet sich jedoch später dem Rock zu und ist Mitbegründer des Folk-Rock. Er macht Musik mit intellektueller bildlicher Mystik und surrealistischen Zügen.

 

Janis Joplin: *1943 in Port Arthur, Texas;

Während ihrer Studienzeit beginnt Janis Joplin in Bars und Cafés zu singen, 1966 geht sie nach San Francisco und schließt sich der Rockband BIG BROTHER (and the Holding Company) an, durch einen Auftritt auf dem Monterey Pop Festival wird sie zum Star. Sie wechselt noch zweimal ihre Begleitband, als es zu inneren Spannungen kommt. Janis kämpft in ihren Liedern für die Gleichberechtigung der Frauen im Drogenrausch, im Singen und in der Sexualität. Da Bemerkenswerteste an der Sängerin ist ihre Stimme. Janis Joplin stirbt als eine der ersten MusikerInnen 1970 an einer Überdosis Heroin.

 

The Beatles: Das erfolgreiche Popquartett aus Liverpool besteht vom Beginn der 60er bis 1970 und setzt sich aus Paul McCartney (Bass), Ringo Starr (Schlagzeug), John Lennon (Rhythmusgitarre) und George Harrison (Melodiegitarre) zusammen. Die 4 erregen v.a. am Anfang ihrer Karriere Aufsehen in der Öffentlichkeit: sie haben lange Haare, schauen "weibisch" aus und spielen in verrauchten und verruchten Bars und Spelunken.

Auch die Musik der Beatles ist wild und roh für den damaligen Geschmack, obwohl sie nur wenige Instrumente, einfache Akkorde und eingängige Melodien und Refrains verwenden. Doch sie entwickeln sich weiter, schreiben praktisch alle ihre Lieder selbst und benutzen kompliziertere Formen. Die Beatles haben alles, was zu Popstars gehört: sie gehen immer mit der Mode, haben Skandalpresse und haufenweise Groupies.

Sie gelten als eine der größten schöpferischen Kräfte der 60er und haben großen Einfluss auf die spätere musikalische Entwicklung.

 

The Rolling Stones:

Mick Jagger

 

Obwohl die Stones häufig für Repräsentanten der Arbeiterklasse gehalten werden, leidet niemand, zumindest vom geistigen Kern - Keith Richards (Leadgitarre), Brian Jones (Rhythmusgitarre) und Mick Jagger (Gesang)- unter finanziellen Nöten, sie sind allein um der Kunst, der Musik willen dabei.

Ab 1963 ist die Gruppe ökonomisch tragfähig und entscheidet sich dafür, vulgär zu sein. Vorbild der Stones ist der schwarze Rhythm & Blues, sie sind dem Kommerz jedoch nie abgeneigt. Ihre Musik ist schnell, metallisch, sauber und scharf, auf Blues basierend und steht im Gegensatz zu der heiter gemäßigte Musik der BEATLES, das Besondere an ihr ist jedoch der Gesang von Mick Jagger. Die Themen der Gruppe sind die Heuchelei und der Verfall der oberen Klassen, Sex und Drogen. Die Stones sind qualitätsbewusst, wollen gesellschaftliches Aufsehen erregen und sind bis heute eine der erfolgreichsten Rockbands der Geschichte.

 

The Doors: Jim Morrison wird 1943 in Melbourne, Florida geboren und wird bald Waise. Eigentlich will er selbst Filme machen, lässt sich jedoch bald von der Venice - Beach - Kultur treiben, wo Acid in Massen konsumiert wird. Eines Tages trifft er am Strand den Keyboarder Ray Manzar - The Doors sind geboren.

Die Gruppe macht Acid Rock, ihre Themen sind Vergänglichkeit, Schrecken, Gewalt, Schuld ohne Sühne, die Fehlschläge in der Liebe und vor allem der Tod. Das Album THE DOORS mit den Singles LIGHT MY FIRE, GIMME SHELTER, und THE END wird ein großer Erfolg. Ihre Lieder sind voller tragischer Ironie, doch Morrison verkommt - unverstanden vom Publikum - zu einem Clown, Alkoholiker, Exhibitionisten und Gewalttätigen. Die Qualität der Musik lässt immer mehr nach, Jim Morrison stirbt 1971 im Alter von 27 Jahren an einem Herzschlag.

 

Jimi Hendrix: "Jimi Hendrix war der elektrifizierte Niggerdandy der Blumenkinder - Generation, ihr goldenen Kalb und bestes Pferd im Stall, ihr Produzent einer unheimlich starken Dope - Musik, ihre exzessivste sichtbare Kraft." (Miller, Jim(Hrsg): Rolling Stone Bildgeschichte der Rockmusik 2. Reinbek bei Hamburg 1979)

Jimi wird am 27.11. 1942 in Seattle geboren, beginnt schon im Alter von 13 Jahren in kleinen Bands zu spielen, arbeitet sich langsam hoch und beginnt 1965/66 allein aufzutreten und zu singen. Der schwarze Musiker führt einen völlig neuen Begriff dafür ein, wie man eine Gitarre spielen kann, z.B. mit den Zähnen und auf dem Rücken. Er ist ein Virtuose, der seinem Instrument die unglaublichsten Töne entlocken kann und viel mit Verzerrung und Verfremdung arbeitet. Er singt mit dünner Stimme diese hat aber eine großen Ausdrucksstärke, seine Lieder enthalten alles von einer mystischen Bildersprache bis zur sexuellen Anspielung. Das Aufsehenerregendste an Jimi ist jedoch seine Bühnenshow, er verbrennt und zerstört sogar seine Gitarren. Jimi ist ein Mensch, der zu niemandem "nein" sagen kann, dadurch bringt er sich immer wieder in verzwickte Lagen und zweifelt an sich selbst.

Jimi Hendrix erstickt am 18. 9. 1970 im Schlaf an seinem Erbrochenen nach einer Barbituratvergiftung - ob Selbstmord oder Unfall bleibt ungeklärt.

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Festivals

 

Als große Festivals noch völlig unbekannt - weil noch nicht existent - sind, ist das Pop- und Hippie - Leben anders gestaltet: es gibt weder Promoter und Geschäftsleute noch zahlende und konsumierende Zuschauer. Vor allem an der amerikanischen Westküste organisieren die Blumenkinder ihre "free concerts" selber, die Musiker spielen ohne Honorar. Doch dann beginnt die Zeit der Kommerzialisierung, von Woodstock und den Pop-Kapitalisten. Schon früh ist Festivalveranstaltern etc. aufgefallen, wie sehr der Jugend die "Hippie - Orchester" gefallen, Besitzer und Manager von Schallplattenfirmen und TV-Programmen kaufen die Popmusik auf, um sie sofort wieder auf den Markt des kapitalistischen Kulturbetriebs zu werfen. Große Festivals wie WOODSTOCK und ISLE OF WIGHT bringen den Bossen des Schowbiz riesige Gewinne.

Trotzdem sind die neuen Festivals immer noch von den Hippie - Idealen, Liebe, Friede, Freundschaft etc. geprägt, sie zeigen, dass eine Gesellschaft ohne Hass und Krieg durchaus denkbar ist.

 

Woodstock: Das "Woodstock Music &Arts Festival" findet 80 km entfernt vom Ort Woodstock in Bethel (New York) auf der Form eines Milchbauern vom 15. Bis 17. August 1969 statt.

Niemand ist auf die ankommenden Massen von Besuchern vorbereitet, deshalb bricht schon 2 Tage vor dem Beginn des Festivals das absolute Verkehrschaos mit bis zu 20 Meilen langen Staus aus. Auch bei der Versorgung mit Lebensmitteln und im Sanitärbereich treten große Engpässe auf.

Insgesamt befinden sich ca. 400 000 bis 500 000 Besucher in Bethel, trotz dieser Menschenmenge bleibt es enorm friedlich. Es gibt "nur" 3 Todesfälle, aber auch 3 Geburten.

Die Veranstalter sorgen für ein riesiges Staraufgebot: Joan Baez, Joe Cocker, The Greatful Dead, Jefferson Airplane, Janis Joplin, The Who, Neil Young, Santana und Jimi Hendrix sind nur einige der Bands und Musiker, die die Blumenkinder in Ekstase versetzen. Dazu tragen natürlich auch der extreme Drogenkonsum und völlig tabuloser Sex bei.

Das Konzert gilt als Höhepunkt der Hippie - Ära, es ist ein Symbol für die Exzesse der 60er und ein Ereignis, bei dem fast eine halbe Million junger Menschen die Begriffe Teilen, Helfen, Respekt und Rücksicht kennenlernen.

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Quellen: Literatur: *Siniveer, Kaarel: Folk Lexikon. Reinbek bei Hamburg 1981.
*Kneif, Tibor: Sachlexikon Rockmusik. Reinbek 1978.
*Miller, Jim(Hrsg): Rolling Stone Bildgeschichte der Rockmusik 2. Reinbek 1979.
* "Jan": Woodstock ’69. In: http://ourworld.compuserve.com/homepages/hainzel/woodstock.htm, in der Fassung vom 26. 2. 2000.
*Underground - US-Rockmusik 1967/68. In: http://www.trend.partisan.net/1967/2667105.html, in der Fassung vom 30. 12. 1999.

Bilder: Jimi Hendrix/Mick Jagger : Rolling Stone Bildgeschichte der Rockmusik

Jimi Hendrix/Woodstock 1 und 2: Woodstock ’69.