Die sexuelle Revolution
Sexualität in Presse und Industrie
Die "Sexwelle" wird Mitte der Sechziger das Auftauchen von Nacktheit und der Sexdiskussion in der Öffentlichkeit genannt.
Wirklich kraftvoll setzte sich die Welle erst. ab ca. 1966 durch und erreichte 1968 ihren Höhepunkt, als absolut nichts mehr nicht mit Sex in Verbindung gebracht wurde.
Mitverantwortlich dafür waren auch verschiedene Skandale der 50er Jahre, wie zum Beispiel der Film "Die Sünderin", wo für wenige Sekunden ein nackter Frauenkörper zu sehen war, der Kinsey - Report, der das Sexualverhalten der US-Amerikaner untersuchte und der schwedische Film "Das Schweigen", in dem 1963 ein Geschlechtsverkehr zu sehen ist.
In der Ära Adenauer war in Deutschland keine Platz für "schmutzigen Sex". Was sollte sie mit ihren neuentdeckten Lüsten, mit den schwingenden Hüften, den wogenden Brüsten der BB und dem weichen Gang des James Dean anfangen?
Dadurch heirateten die sogenanten "Halbstarken"(ein Begriff für die unaufgeklärte Jugend) und versuchten ihre Erotik unbeaufsichtigt in der Ehe zu erleben. Zwischen 1960 und 1964 stieg die Zahl der Frühehen in Deutschland deutlich an. Wobei ein Drittel der Bräute am Tag der Eheschließung bereits ein Kind hatten oder schwanger waren. Dazu kamen noch eine Million verbotener Abtreibungen im Jahr, welche unter lebensgefährliche Bedingungen stattfanden. Laut "Stern" endeten 15000 dieser illegalen Schwangerschaftsabbrüche tödlich.
Mitverantwortlich für diese Zustände war auch eine repressitive Gesetzgebung und eine konservative Ärzteschaft, welche es den Menschen unmöglich machten, sich mehr und glücklicher mit ihren Lüsten zu beschäftigen. Zum Beispiel verbot die "Himmlersche Polizeiverordnung" bis in die sechziger Jahre hinein jegliche Werbung für Verhütungsmittel. Daneben galten noch bis Ende der 60er Jahre die sogenanten Kuppeleiparagraphen, welche Familienangehörigen, Bekannten und Vermietern verbot, unverheirateten Paaren Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, in denen sie "Unzucht" treiben konnten (jeglicher sexuelle Kontakt zwischen Unverheirateten galt als "Unzucht"). Anzeige konnte jeder erstatten. Auch deswegen war es damals fast unmöglich, unverheiratet zusammenzuleben. War man verheiratet, blieb man meist unaufgeklärt und verängstigt sich selbst überlassen. Die verzweifelten Ehepaare suchten in den Eheberatungsstellen Hilfe. Darum erhöhte sich auch die Anzahl dieser Institute von 17 im Jahre 1958 auf 125 im Jahre 1965.
Durch Filmskandale und vor allem durch die Diskussion um die neuentwickelte Antibabypille hatte das Thema Sex eine breite Öffentlichkeit erreicht.
Die erste Antibabypille, mit dem Namen Enovid 10, wurde vom Chicagoer Pharmakonzern C.D Searle entwickelt und kam 1960 auf den amerikanischen Markt. Damit begann auch ihr Siegeszug. Sie geriet immer wieder in die öffentliche Diskussion, doch die Antibabypille war und ist das am häufigsten verwendete und sicherste Verhütungsmittel. Zum ersten Mal konnten Frauen ohne Angst vor einer Schwangerschaft ihre Sexualität genießen und sich bewußt für oder gegen ein Kind entscheiden. Dadurch trug dieser neue Verhütungsschutz auch zum Auslösen der sexuelle Revolution der sechziger Jahre bei.
Die Jugend der fünfziger Jahre konnte erst in den sechziger Jahren, nachdem sie das Elternhaus abgeschüttelt hatten, darangehen, ihre Neugier zu stillen und ihre Unwissenheit zu beseitigen. Sie wurden zu dankbaren Konsumenten für jedes winzige Stück, das an Aufklärung geboten wurde. Presse und Industrie erkannten den Bedarf und unterstützten ihn nach Leibeskräften. Die Werbung hatte die verkaufsfördernde Wirkung des Sex schon früh entdeckt. In den fünfziger Jahren galt Reklame für Unterwäsche und Tampons als unanständig. Zehn Jahre später saß eine nackte Frau in einer mit trübem Wasser gefüllte Badewanne und genoß die pflegende Wirkung von Fenjala, oder sie rekelte sich unter kühlen Brausen und lobte Badedas. Schon in der ersten Hälfte des siebenten Jahrzehnts und bevor die Redakteure Sex auf die Titelblätter brachten, hatte die offensichtliche Verknüpfung von Sex und Ware angefangen. Zunächst noch, um mit Sex die Ware an den Mann zu bringen. Danach folgte der nächste Schritt und der war dann, die Ware Sex zu vertreiben.
Wie schon gesagt, begannen auch die Zeitschriften über das neue Thema Nr. 1, der Nation zu schreiben. Zum Beispiel in den beiden Blättern "Spontan" und "Konkret" kam es durch die Verbindung von Erotik und Politik, häufig zu einem Nebeneinander von Pin-ups und Nachrichten. Was nicht immer einfach für die Herausgeber war. Auch den "Konkret" - Macherrn steckten die prüden Zeiten noch tief in den Knochen, und sie hatten ihre eigene Mühe damit, sie zu überwinden. Aber sie folgten doch dem allgemeinen Anspruch von sexueller Befreiung und Darstellung.
Vor allem Stundentinnen und Studenten setzten sich für die Überwindung sexueller Tabus ein. Sie sprachen auch von einer ganz persönlichen wie gesellschaftlichen Befreiung von repressiven Normen. 1965 errichteten sie die erste sogennante "Intimberatungsstelle für Studenten" an der FU, welche regelrecht gestürmt wurden. Die Leiterin, die Nervenärztin und Psychotherapeutin Frau Lange - Undeitsch, berichtet: "Wir hatten uns die Teilnehmerzahl etwa bei 20 gedacht. Aber schon am ersten Abend kamen ins Studentendorf nach Schlachtensee 34, darunter 29 junge Männer und 5 Mädchen. Am zweiten Abend waren es bereits doppelt soviel, und beim dritten Male kamen an die hundert Studenten und Studentinnen." Die Themen dieser Abende waren unter anderem Abtreibung, Empfängnisverhütung, vorehelichen Geschlechtsverkehr u.ä. Doch das war erst der Beginn. In Berlin wurden die Schüler nun im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes von einem Medizinstudenten der FU in Sachen Sex belehrt. Die Schülergewerkschaft ging noch weiter. Sie boten nicht nur theoretische sondern auch praktische Hilfe an. So verteilten sie zum Beispiel Flugblättern, auf denen sie allen Jugendlichen, die Probleme bei der Beschaffung der Pille hatten, ihre Unterstützung anboten.
| Die Flut der Artikel, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen zu Fragen der sexuellen Aufklärung als Teil der politischen Emanzipation war unvorstellbar. Kein Schüler-, keine Studentenzeitung, in der dies nicht - weit vor dem Vietnamkrieg, Notstandsgesetzen, Schulreform etc. - das Thema Nummer eins gewesen wäre. Obwohl das Thema von Eltern und Behörden meist schärfstens bekämpft und mit Sanktionen belegt wurde. |
In der Allgemeinheit dagegen ging es weniger um den offensichtlichen Zusammenhang von Sexualität und Politik. Der Punkt, um den in den Illustrierten und Aufklärungsfilmen jeder Coleur die Diskussion kreiste, war die Frage, ob wie, warum und vor allem mit welchen Folgen Frauen und Mädchen sexuelle Lust empfinden können und wollen. Mutmaßungen, Ratschläge und Warnungen türmten sich aufeinander.
auch nicht, auf "Engelmacherinnen" und geldgierige Ärzte
in ihren heimlichen Abtreibungsküchen. Viele Männer, vor allem die jungen waren
ebenso erleichtert, von der Einführung der "Pille", wie die meisten
Frauen.
Was für eine Veränderung die Antibabypille herbeiführte, zeigt ein Zeitungsauschnitt aus dem Jahr 1966.
" Ich kenne eine Menge Mädchen, die gerade 20 sind und schon mit zehn, fünfzehn verschiedenen Männern geschlafen haben. Ich glaube, dass in letzter Zeit die Mädchen immer hemmungsloser werden. Weil es ja auch kein Risiko mehr gibt. Dadurch, dass es Verhütungsmittel gibt, die absolut sicher sind, und man keine Angst mehr vor einem Kind hat. Darum ergreifen die Mädchen immer mehr selbst die Initiative und schlafen mit jedem, der ihnen gefällt."
"Und Sie ?" frage ich vorsichtig.
"Na ja" sagt Sie, "ich schlafe auch mit dem, der mir gefällt! Aber nicht so oft." fügt sie hinzu.
[ ... ]
(aus einer Umfrage von "Konkret" 1966)
Der eigentliche Aufklärungspapst der bürgerlichen "Sex - Welle" in Westdeutschland war Oswalt Kolle, ein netter Mensch, der es gut meinte mit den jungen (und auch den älteren) Ehepaaren, die keine Ahnung hatten, was sich da nachtein, nachtaus trieben.
| Er wurde durch seine sexualkindlichen Artikel in der "Neuen Revue" berühmt, deren er eine Vielzahl von Filmen ("Dein Mann - das unbekannte Wesen", "Das Wunder der Liebe" oder "Helga") hinterherschickte. Was heutzutage, aufgrund der Verkrampftheit der Darstellungen nur noch ein Schmunzeln hervorruft, zog damals Millionen von Kinogästen in die Kinos von Deutschland. | ![]() |
Alle diese Vorkommnisse führten zu einer Veränderung in der Gesellschaft. Sie erreichten die Mehrheit der Bevölkerung und veränderten den Umgang mit Sexualität in der Öffentlichkeit stark. Für viele war es nun völlig normal in der Öffentlichkeit über Sexualität und alle das was damit zusammen hängt zusprechen. Die Menschen setzen sich mehr mit ihrer Sexualität und auch mit ihren sexuellen Problemen auseinander. Auch in der Sexualaufklärung der Kinder und Jugendlichen tat sich in den darauffolgenden Jahren sehr viel. So war die große Mehrheit von ihnen mittlerweile gut aufgeklärt und über das Thema Empfängnisverhütung wurden sie auch informiert. Für Jugendliche war Sex nun kein Tabu mehr und es wurde auch immer mehr von der Gesellschaft akzeptiert, dass auch Jugendliche Geschlechtsverkehr haben. Aus diesem Grunde war es auch für junge Mädchen kein Problem mehr die Antibabypille zu bekommen und auch Kondome waren von da an in fast jedem Supermarkt zu erhalten.
Literatur:
The Roaring Sixties
Homepage
Hamburger Abendblatt: www.abendblatt.de
Spiegel: www.spiegel.de
Süddeutsche Zeitung: www.sueddeutsche.de
Bild1 -http://online.prevezanos.com/schlager/bravo2.shtml
Bild2 - http://www2.inter-nationes.de/d/frames/gaz/didak1960.html
Bild3 - The Roaring Sixties (Seite 145)