Inhaltsverzeichnis:
# Ein Blick zurück auf bewegte Anfangsjahre der PA
# Der zeitgeschichtliche Hintergrund:
# Die Entlassung der Junglehrerin Ulrike Jussel
# Flint
a.)Ein Blick zurück auf bewegte Anfangsjahre der Pädagogischen Akademie:Anfangsjahre
Am 17. September 1968 nahm die Pädagogische Akademie des Bundes in Vorarlberg auf "historischem Boden", nämlich im Gebäude des ehemaligen "Katholischen Privatlehrerseminars" in Tisis, Lichtensteinerstrasse 50, mit 54 Studenten den Lehrerbetrieb auf. Dass die Direktion der PA den 30. Geburtstag im September 1998 einfach überging, macht deutlich, dass es zur Zeit an der höchsten Schule des Landes keine angemessene Kultur des Gedenkens und Erinnerns gibt. Selbst Hauptschulen haben zu diesem Anlass respektable Festschriften herausgebracht. Ein besonderes Lob gilt hier der Hauptschule Götzis.
Die PA sollte einerseits möglichst rasch viele Lehrer "produzieren", um den drückenden Lehrermangel wenigstens zu lindern, und andererseits sollte die Lehrerbildung von unerwünschten "politischen" Einflüssen möglichst frei gehalten werden. Das heißt, möglichst alle Absolventen sollten dem katholischen Lehrerverein beitreten. In Wien gab es nach zwei Wahlsiegen der SPÖ einen "roten" Unterrichtsminister und das "Land" war bestrebt, die tatsächlichen und noch mehr die befürchteten "roten" Einflüsse auf die Schule und besonders auf die PA abzuwehren. Der Direktor der PA war in dieser Zeit, ab1971, Dr. Armin Wirthensohn.
b.) Der zeitgeschichtliche Hintergrund:
Das Jahr 1968 war anders als in der Bundesrepublik Deutschland für Österreich keine kulturelle Zäsur. In der BRD hatte der Schahbesuch und der Tod des Studenten Benno Ohnesorg 1967 tausende Studenten zu Demonstrationen mobilisiert. Auch in Österreich flimmerte dieses Ereignis über die Bildschirme. Auch die Reden von Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke in Paris, im Mai 1968, hatte eine große Wirkung. Die Familien in Vorarlberg waren vor allem auch von den Ereignissen in Vietnam betroffen. Währen die Väter meist für die US-Soldaten Partei ergriffen, schlugen sich die Söhne und Töchter häufig auf die Seite der Demonstrationen und wandten sich gegen diesen sinnlosen Stellvertreterkrieg. Der Professor Wolfgang Brezinka warnte in seinen zahlreichen Vorträgen und Publikationen vor der "Neuen Linken" und verängstigte damit vor allem leitende Beamte in der Schulverwaltung. Auch in der PA Feldkirch sprach er über "Erziehung und Emanzipation" und fand mit seinen abstruse Verschwörungstheorien besonders bei Dr. Wirthensohn ein offenes Ohr.
# Das "Fragezeichen":
Als ein erstes studentisches Lebenszeichen erschien im Mai 1972 das erste "Fragezeichen", eine Diskussionsform für Studenten und Professoren. Darauf folgten die Wochenzeitschrift "Die Zeit" und "Vom zirzensischen Charakter der sogenannten Lehrproben". Die Ausbildung von "Fragezeichen" Nummer 8 wurde 1973 abgeschlossen.
# Die "Gruppe sozialistischer Studenten":
Bei den Studentenvertretungswahlen 1975 trat zum ersten Mal eine "Gruppe sozialistischer Studenten" auf. Diese Gruppe erhielt über 40% der Stimmen und löste somit große Besorgnis in der Direktion und fast Entsetzen bei den Politikern aus. Dadurch wurden die schlimmsten Befürchtungen bestätigt und die PA schien auf dem Weg zu einer "Roten Hochburg" oder gar zu einem Hort der "Neuen Linken" zu werden.
Durch das "Flint"-Verbot wurde 1971 die erste Politisierung der Gruppe bewirkt. Starken ideologischen Einfluss auf die Gruppe hatten auch deutsche Schüler der Stella Matutina, welche bereits von der 68er Bewegung erfasst und politisiert waren. Ebenfalls sehr wichtig für die Gruppe war auch Hans Fink, denn in seinen Seminaren gab es heftige Auseinandersetzungen über die Gottesbeweise.
Ein weiterer "Meilenstein" auf dem Weg der Politisierung war ein Verfahren wegen Disziplinwidrigkeiten auf dem Skikurs der PA in St. Christoph Ende April 1973. Damals erlebten die Studenten zum ersten Mal wie wichtig Studentenvertreter sind. Die beiden Betroffenen fühlten sich aber von den Studentenvertretern im Stich gelassen und versuchten bei den Wahlen im Herbst 1973, Günter Mair in die Studentenvertretung zu bringen. Er wurde dann auch gewählt. Aus diesem Grund wurde die Wahl ohne triftigen Grund wiederholt, dies wurde dann natürlich von den Studenten als Manipulation empfunden. Diese Gruppe beschloss dann bei der nächsten Wahl als politische Gruppierung mit einem Programm anzutreten, damit nicht immer nur "Gesichter" gewählt werden.
# Das "Rufzeichen" als Provokation:
Im Januar 1975 erschien zum ersten Mal die Zeitschrift "Rufezeichen". Alois Lang aus Egg war für den Inhalt verantwortlich. Die Auflage betrug etwa 500 Stück und die Gruppe durfte die Matritzen im Büro der SP in Feldkirch abziehen, aber eine finanzielle Unterstützung gab es nicht. Der Name war eine Anspielung auf das vergleichbar brave "Fragezeichen" und machte einen Kurswechsel deutlich. Diese Jugendliche Neigung zur Provokation war neu und wurde vor allem von älteren Professoren der PA als frech, beleidigend und fast schon Sakrileg empfunden.
Das "Rufezeichen" sollte ein Sprachrohr für alle Studenten sein, denn für die Professoren gab es das "monatliche Interview". Dennoch hatte diese Zeitschrift nicht nur Vorteile, denn an der PA spürten die Mitglieder der Gruppe, dass sie härter angefasst wurden. Jene Studenten die sich zur Gruppe bekennten, mussten mit Problemen rechnen, wie zum Beispiel bei der Beurteilung von Hausarbeiten.
c.) Die Entlassung der Junglehrerin Ulrike Jussel:
Ulrike Jussel studierte an der PA von 1971 bis 73 und war eine sehr beliebte, aktive und selbstbewusste Studentin. Sie war unter anderem am "Fragezeichen" beteiligt und ihr Studienerfolg wurde mit einem Begabtenstipendium belohnt. Im Januar 1974 begann sie an der Hauptschule in Dornbirn-Hatlerdorf für einen erkrankten Englisch-, Turn-, Zeichen- und Geographieprofessor zu unterrichten. In einer Zeichenstunde am 6. März sollten die Schüler ein Schriftblatt mit einem Text freier Wahl gestalten. Manche Schüler jedoch schrieben Vulgärausdrücke aus dem sexuellen Bereich auf. Aber sie hängte auch diese Blätter in der Klasse auf, um ihnen keine allzu große Bedeutung zu geben. Daraufhin wurde sie vom Dienst suspendiert. Die Junglehrerin wurde am 19. März ohne Angabe von Gründen, denn einen Grund gab es ja nicht, gekündigt.
Das war ein schwerer Schlag. Kolleginnen erfuhren von diesem Vorfall, und erzählten davon auf dem Seminar des Renner-Instituts davon. Der Seminarleiter erzählte den Vorfall Norbert Kutalek, der bei den Lehramtsprüfungen der Vorsitzende war und sich an Ulrike Jussel erinnern konnte. Zuerst berichteten Wiener Zeitungen davon, und dann erst wurde der Fall in Vorarlberg öffentlich. Unterrichtsminister Sinowatz wollte bei den Festspielen LH Kessler zu einer Wiedereinstellung bewegen, dieser lehnte jedoch wegen "Wiederholungsgefahr" ab.
Ulrike Jussel nahm ihr Biologiestudium in Innsbruck wieder auf und bewarb sich um die Leitung des Mädchenheimes der Arbeiterkammer in der Schöpfstrasse. In diesem Heim waren ungefähr 50 15-18jährige Mädchen aus der Peripherie in Tirol untergebracht, welche in Innsbruck eine Schule besuchten oder eine Lehre machten. Beim Einstellungsgespräch erklärte der KAD Rohringer: "Ein Berufsverbot in Vorarlberg kann nur eine Qualifikation sein. Wir sind glücklich, wenn sie zu uns kommen." Frau Jussel leitete dann dieses Heim zehn Jahre lang, gab dann das Studium auf, um zu heiraten.
Sie war das unschuldige Opfer konservativer Ängste vor all jenem, was man damals als "links" diffamieren konnte.
# Der Konflikt mit LH Dr. Herbert Kessler:
Im "Rufzeichen" ( Nr. 10, Januar 1976 )wurde unter dem Titel "PA-Zweigstelle des Bischofs?" eine Rede von LH Kessler vor dem katholischen Lehrerverein recht heftig als Diffamierung und "Pauschalverdächtigung" kritisiert. Kessler hatte gesagt: "Dank an die Lehrerschaft. Auch bei uns wollen rücksichtslose Kräfte Autorität Selbstbeherrschung, Naturrecht, Ehe und Familie.
Er ersuchte den Direktor Wirthensohn in einem Schreiben vom 3. Februar 1976, die Namen der Redaktionsmitglieder des "Rufzeichen" bekanntzugeben. Diese jedoch beriefen sich auf das Pressegesetz § 45 und weigerten sich, diesem Ersuchen nachzukommen. Auch der Landeshauptmann klagte öffentlich über die Redaktionsmitglieder. Daraufhin wurde Kessler aufgefordert an einer öffentlichen Diskussion teilzunehmen. Diese fand jedoch nicht statt.
# Folgen:
Als der verantwortliche Herausgeber Edwin Metzler , sein Blockpraktikum antreten wollte, erhielt er die Nachricht, dass sich alle Hauptschuldirektoren weigerten , ihn als Blockpraktikanten zu akzeptieren. Aber ohne dieses Blockpraktikum hätte er seine Ausbildung nicht fortsetzen können. Aber schließlich erreichte Heiner Linder , der diese Vorgangsweise nicht duldete, dass Metzler an der Hauptschule rankweil als Praktikant akzeptiert wurde, und ermöglichte ihm so, die Ausbildung abzuschließen.
Die ersten Abgänger der Gruppe wurden über das ganze Land verstreut zu anderen Direktoren geschickt um deren Standfestigkeit zu prüfen. Wie zum Beispiel Günter Mair, der seine Ausbildung erst im Herbst 1975 abschloß, wurde, obwohl er in Bludenz wohnte , der ASO Bregenz zugeteilt. Er wandte sich erfolglos an die PV und an den Hofrat Steger, um einen anderen Dienstort zugeteilt zu bekommen. Auch seine Freundin Birgit Küng aus Bludenz wurde der HS Levis zugeteilt, denn der zuständige BSI Hillbrand erklärte ihr: "Sie wohnen schon lange mit dem Herrn Günter Mair zusammen, und solange Sie nicht verheiratet sind , kommen sie nicht in meinen Bezirk." Die beiden heirateten im Dezember 1975 und kamen dann beide in den Bezirk Bludenz.
Für Samstag, den 10. Juli 1971, lud ein Flugblatt zu den Begräbnisfeierlichkeiten von "Flint" ein. Der Titel lautet: "Flint lebt trotzdem". Rund 500 Jugendliche trafen sich auf der in Bau befindenden Autobahn bei der Neuburg zu einem Trauerzug. Mit Trauermusik und einer eigenen Flint-Litanei wurde ein "Flint" symbolisierender Sarg verbrannt. Noch jahrelang wurde der Slogan "Flint lebt" auf Wände, Mauern und Brücken gesprüht.
Eine Gruppe der Pfadfinder, darunter Reinhold Luger, Günther Hagen, Hartwig Rusch und Peter Kuthan, hatte bereits 1968 bei der Bischofsweihe in Feldkirch und anlässlich der 50-jahr-Feier der Republik Österreich in Bregenz mit kritischen Fragen für Aufsehen gesorgt. Deshalb sollte auch dieselbe Gruppe führend bei den Vorgängen von "Flint" vertreten gewesen sein.
Vorbild für "Flint" war das Open-air-Festival in Woodstock. Die Jugendlichen wollten durch ein ähnliches Festival in Vorarlberg, eine Alternative zu den üblichen Bierzelten und Gasthäusern schaffen. Flint den Haschern den Spaß am Haschen verderben und verteilte bewusstseinerweiternde Drogen, wie zum Beispiel Musik und Lyrik, denn alles andere ist im Sinne der Veranstalter überflüssig.
Am 4. Juli 1970 fand die erste Veranstaltung dieser Art in Vorarlberg, Flint Nummer 1, auf der Neuburg statt. Rund 1000 Jugendliche hörten die Gruppen "The Gamblers", "The Wanted", "Venus observed, "Game" und "James Cook Formation". Michael Köhlmeier sang selbstverfasste Protestsongs sowie Lieder von Degenhardt und Brecht. Außerdem wurden Texte von Bertold Brecht, Wolf Biermann, Hans Magnus Enzesberger, Erich Fried, Thomas Bernhard, Julian Beck und Allen Ginsberg rezitiert.
Nach dem Erfolg von Flint Nummer 1 sollte nun das zweite Flint-Festival auf der Neuburg noch größer und besser organisiert werden, aber wenige Tage vor der Veranstaltung wurde das Gebiet der Neuburg durch die Landesregierung unter Naturschutz gestellt. Da es für die Organisatoren so schien als wollte man diese Veranstaltung verhindern, kam es zu der bereits angesprochenen Demonstration. "Flint" wurde somit zur ersten Auseinandersetzung zwischen einer neuen Jugendkultur, die vom Geist her der 68er-Jugendrevolten in ganz Europa beeinflusst war, und der offiziellen Landespolitik. Ab dem 10. Juli 1971 verbietet die Landesregierung das Abhalten des Open-air-Festivals "Flint".
Literaturnachweis:
# Zeitschrift Kultur vom März und Mai 1999
# Vorarlberger Chronik, Ausgabe 1997
Bildnachweis:
# Zwei Bilder aus der Zeitschrift Kultur, Ausgabe vom März 1999
# Ein Bild aus dem Buch Vorarlberger Chronik 1997