1968 Wohngemeinschaften, antiautoritäre Erziehung und offene Beziehung

 

 

Das Jahr 1968 war ein sehr bedeutendes Jahr in der Geschichte Deutschlands.

Dabei möchte ich mich auf die Wohngemeinschaft, die antiautoritäre Erziehung und die offene Beziehung beschränken.

 

Die Wohngemeinschaft, Kommune: (Textanfang)

(kommune: französisch, vom lateinischen communis: allen gemeinsam)

 

Die Wohngruppen beschreiten ihren Weg, indem sie sich in einem gemeinsamen Haushalt zu einer Gruppe zusammenschließen, zu der auf jeden Fall mehr Erwachsene gehören als zur üblichen Kleinfamilie.

Je nach Art des Gruppenzusammenschlusses kann man verschieden Typen von Wohngruppen unterscheiden:

 

Der Alltag in diesen Wohngruppen, ihr Lebensstil und die von ihnen vertretenen Ansichten können und mögen sehr unterschiedlich sein. Jedoch haben sie zunächst einmal gemeinsam, daß sie für sich Vorteile aus dem Zusammenleben der Gruppe ziehen können.

 

 

Die Kommune als Gegeninstitution zur Familie: (Textanfang)

Durch das gemeinsame Auftreten auf den Demonstrationen wollte die Kommune 1 Beispiele für befreites Verhalten geben. Die Gemeinsamkeit sollte vor allem auf die Privatsphäre ausgedehnt werden. Das Versprechen, die individuelle Unterdrückung durch die neue Form des Zusammenlebens aufzuheben, war das Programm und die Faszination der Kommune 1. Durch enges Zusammenleben der politischen Gruppen sollte die Trennung von politischer Betätigung und Privatsphäre zwischen Arbeitsplatz und Wohnung aufgehoben werden.

Denn diese Trennung hatten die Studenten bei ihren ersten Aktionen immer wieder erfahren: die Solidarität, die sich bei der Planung und Durchführung der Demonstrationen zu entwickeln begann, wurde mit dem Ende der gemeinsamen Aktionen abgebrochen und durch die Isolation der Studentenbude ersetzt.

Nur zwei Gruppen, die K1 und die K2, hatten als einzige, den Versuch das Zusammenleben und kollektive Arbeit zu verbinden, verwirklicht.

Besonders die K1 hat durch ihr Spaß-Konzept und, durch aggressiv beleidigende Flugblätter und durch das Vorleben eines zwanglosen Gruppenzusammenhangs auf Aktionen und Veranstaltungen immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Sie wurde dann sogar im Mai 1967 wegen provokativer "Überrumpelungsmanöver" ausgeschlossen, weshalb anschließend die öffentliche Kommunediskussion innerhalb des Verbandes verdrängt wurde.

 

Die politische Tätigkeit der Kommunen 1 und 2 standen jedoch Anfang 1968 immer noch völlig unverbunden neben den immer noch privaten Problemen des Zusammenlebens, der Rolle der Frau und der Kindererziehung.

 

 

 

 

Gründung der ersten Kinderläden: (Textanfang)

Frauen mit Kleinkindern waren in der Gesellschaft entscheidend benachteiligt, deshalb versuchte man eine geeignete Lösung zu finden. Hauptsächlich waren es Studentinnen oder Frauen, die wegen des Kindes ihr Studium abgebrochen haben.

Man suchte nach einem Ort, wo die Kinder während der Arbeitszeit gut aufgehoben waren. Aus einem Flugblatt geht hervor, daß sich diese Bedürfnisse aus zwei Gründen nicht befriedigen lassen:

 

 

Man wollte erst alle Kinder in einer Wohnung unterbringen, die dort von ihren Eltern abwechselnd beaufsichtigt werden könnten, doch es zeigten sich schon bald Schwierigkeiten:

 

Aufgrund dieser Probleme mußte schnellstmöglich nach einer Lösung gesucht werden. Normale Wohnungen konnte man allerdings für die Kindergartenprojekte nicht bekommen, da die Hauseigentümer Belästigungen der anderen Mieter befürchteten. So kam es, daß man darauf kam, daß viele Einzelhandelsgeschäfte leer standen und man diese dann für die Kinder nutzte. Diese wurden dann nicht mehr Kindergärten sondern "Läden" nannte.

Der erste Kinderladen wurde von der Neuköllner Gruppe gemietet, weitere Läden folgten.

 

Mit diesen Kinderläden kam auch die antiautoritäre Erziehung auf.

Der ertse Berliner Kinderladen , der seine Vorstellungen von kollektiver Kindererziehung in einem vorläufigen Programm ausarbeitete, war die Charlottenburger Gruppe. Die Eltern kamen dabei überein, das Kinderladenprojekt in einem Arbeitskreis zum Thema Erziehung gründlich vorzubereiten. Zuerst wurde das Buch von A.S. Neill über die freie Schule in Summerhill gelesen, da diese aber keinen so ganz überzeugte, konzentrierte sich der Arbeitskreis anschließend auf marxistische Autoren. Welche von der Vorstellung der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft ausgehend, Erziehungskonzepte entworfen hatten und die kapitalistische Erziehung kritisierten.

Zu dieser Gruppe stoß dann drei Monate später die Kommune 2, die bereits mit ihren eigenen Kindern den Widerspruch zwischen staatlicher Kindergartenerziehung und ihrem kollektiven Zusammenleben erfahren hatte.

Ein paar Punkte zu dieser Erziehung:

 

Die Kommunekinder hatten sich oft geweigert, in den städtischen Kindergarten zu gehen und die Kommunarden schlugen vor, ab sofort mit den Kindern wenigstens an den Wochenenden Ausflüge zu machen, um schon während der Zeit der organisatorischen und theoretischen Vorbereitungen des Kinderladens Erfahrungen zu sammeln.

 

 

Über diese Ausflüge berichtet die Kommune 2:

Die meisten Kinder wollten anfangs nur in Begleitung ihrer Eltern mitgehen. Nach einiger Zeit war dann die Angst der Kinder verschwunden, nur die kleineren Kinder und einige der älteren bestanden darauf, daß ihre Eltern mitführten.

Die Kinder der Kommune hatten dabei keine Schwierigkeiten.

Vor allem die Kinder, deren Eltern im täglichen Wechsel mitfuhren, hatten durchgehend besondere Probleme: sie waren aggressiv, mußten sich ihrer Mutter oder ihres Vaters ständig versichern und hatten oft Schwierigkeiten mit den anderen Kindern zu spielen.

Für die Eltern dieser Kinder war die Situation natürlich auch neu. Sie hatten vor allem Probleme, sich ihren eigenen Kindern gegenüber wie gewöhnlich zu verhalten, was wiederum die Angst des eigenen Kindes intensivierte.

Nach etwa einem Monat nach Beginn der gemeinsamen Ausfahrten wurde dann eine neutrale Person, eine Kindergärtnerin, gefunden, die seitdem kontinuierlich mit den Kindern zusammen war.

In Zusammenarbeit mit den Eltern versuchte sie dann, den Kinderladen so aufzubauen, daß die Kinder hier ein größeres Maß an Freiheit und Eigeninitiative entwickeln können.

 

Das Programm des Kinderladens Charlottenburg sah dann vorerst folgendermaßen aus:

 

 

Offene Beziehung: (Textanfang)

 

 

Vor allem auch durch das Zusammenleben in einer Kommune wurde die offene Beziehung zwischen den einzelnen Personen sehr gefördert.

Die Kinder lernen dabei ganz anders mit anderen Kindern umzugehen. Auch Erfahrungen mit Sexualität werden anders gemacht: die kindliche Sexualität kann prinzipiell nicht isoliert von den anderen Lebensäußerungen der Kinder gesehen werden. Die sexuellen Bedürfnisse eines Kindes haben im Gegensatz zu dem, des Erwachsenen keine bestimmten Ziele. Dazu kommt es erst durch die Erziehung.

Je besser und ausgefüllter das Sexualleben des Erwachsenen, desto leichter tut sich das Kind in seiner Entwicklung.

Die Erwachsenen müssen versuchen, ihre sexuellen Schwierigkeiten aufzudecken und zu analysieren, was gleichzeitig bedeutet, dass sie diese eigene Problematik im politischen Kontext zu verarbeiten suchen müssen. Sie müssen die Beziehungen zu den Kindern relativieren, d.h. ihre Fixierungen an das Kind abbauen. Damit wird verhindert, daß die Erwachsenen die sexuellen Probleme auf die Kinder übertragen.

 

Um eine offene Beziehung schon bei Kindern zu fördern, müssen die Erzieher gezielt und bewußt Einfluß auf die Entwicklung der kindlichen Bedürfnisse nehmen:

 

Grundsätzlich gilt es, die kindliche Sexualität in ihren verschiedensten Äußerungsformen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen und zu dulden, sondern voll und ganz zu bejahen.

Duldung der sexuellen Aktivitäten allein reicht nicht aus um einem Kind zu einer stabilen positiven Entwicklung seiner Sexualität zu verhelfen.

Letztlich soll noch erwähnt werden, daß die Theorie der Erziehung sehr viel einfacher zu erklären ist, als die Praxis. Es gibt natürlich sehr viele Kinder, jedes von ihnen ist anders -> entwickelt sich auch anders.

 

Anhang: (Textanfang)
Quellennachweis:
- Kinderläden, Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution? (rororo
Verlag; Autoren:Hille Jan Breiteneicher, Rolf Mauff, Manfred Triebe und Das
Autorenkollektiv Lankwitz; Reinbek bei Hamburg; 1971)
- Berliner Kinderläden (Kiepenheuer und Witsch; Köln, Berlin; 1970)
- Erziehung zum Ungehorsamen (März Verlag; Herausgeber: Gerhard Bott
Frankfurt;1970)
- Wohngruppe, Kommune, Großfamilie (rororo Verlag;Herausgeber: Johannes Feil; )
Reinbek bei Hamburg;1972)

Bildnachweis:
Erziehung zum Ungehorsam (März Verlag; Hersausgeber:Gerhard Bott; Frankfurt; 1970)