Geschichte der Juden in Vorarlberg

 

Es wird vermutet, dass schon in der Römerzeit einige Juden in Vorarlberg lebten.
Allerdings ist erst seit dem Frühmittelalter gesichert, wie jüdische Geschäftsmänner Handel betrieben und Vorarlberg mit verschiedenen Gütern versorgten.
Um 1310 ließen sich die ersten Juden in Feldkirch nieder, denn die katholische Kirche hatte den Christen verboten Kredithandel zu betreiben. So spezialisierten sich die Juden darauf. Diese Feldkircher Juden kamen wahrscheinlich aus Konstanz und Überlingen.
Anfang des 14. Jahrhunderts lebten 30 bis 40 jüdische Bürger in Feldkirch, doch schon wenige Jahre später machte man sie für die ausgebrochene Pest verantwortlich und 1349 wurden alle Feldkircher Juden verbrannt.
Judenfeindliche Hetze und Pogrome beendeten 1348/49 die ersten Ansiedelungen vielerorts mit Vertreibung und Mord. Zahlreiche Gemeinden von Basel bis St. Gallen wurden zerstört. Die überlebenden Juden wurden einzeln oder in kleinen Gruppen aufs Land zerstreut.   

Erst um 1600 entstand das so genannte „Landjudentum“ in Vorarlberg. Das bedeutet, dass die Juden jetzt Landwirtschaft betrieben und mit Vieh, Textilien, und Metallen handelten.
Doch weil Feldkirch keine Juden aufnahm, siedelten sie sich jetzt in Hohenems an. Ihre Gemeinde lebte dort bis zum 2. Weltkrieg und weitete sich sogar zur größten in ganz Vorarlberg aus. Allerdings mussten sie 1688, aufgrund von Spannungen mit dem Hohenemser Grafen,  vorübergehend auch einmal Exil in Sulz suchen.
In Sulz ließen sich drei reiche Juden nieder und gründeten dort eine weitere jüdische Gemeinde, wobei sie sogar eine Synagoge errichteten. Doch auch sie fielen 1744 der gewaltsamen Verfolgung der Landstände zum Opfer und mussten in Hohenems um Asyl bitten.

Mit dem Aussterben des Grafengeschlechtes fiel Hohenems 1765 an Österreich und damit unter die antijüdische Habsburger Gesetzgebung. Dennoch behielten die Hohenemser Juden das Aufenthaltsrecht und die Gemeinde konnte sich entwickeln. In Hohenems wurde 1770/72 eine Synagoge errichtet, die noch heute erhalten ist.     
Die Emanzipation der 500 Hohenemser Juden machte im 19. Jahrhundert viele Fortschritte: sie führten die Familiennamen ein und gaben die jiddische Sprache zu Gunsten der deutschen auf. Nun durften sie studieren und handwerkliche Berufe ausüben. Zum Beispiel ist Eugen Steinach ein weltberühmter Arzt aus der jüdischen Gemeinde. 
1867 führte das Gleichstellungsgesetz zur Auflösung der jüdischen Gemeinde in Hohenems und die Anzahl der Bevölkerung nahm rapide ab, denn in den größeren Städten hatten sie bessere Chance für ihre Berufsausbildung. Hohenems, das bis dahin noch Sitz eines Rabbinates für Vorarlberg und Tirol war und dessen Rabbiner auch Juden in Norditalien betreuten, musste 1914 diesen Sitz nach Innsbruck abgeben.1 

Schon in der Zwischenkriegeszeit waren die letzten Hohenemser Juden antisemitischen Strömungen ausgesetzt. 1938 lebten in Vorarlberg noch 27 Juden, davon 14 in Hohenems. Alle, denen nicht die rechtzeitige Flucht in die Schweiz gelang, wurden 1941 von den Nazis umgesiedelt; die meisten wurden in Theresienstadt ermordet. 
Nach dem 2. Weltkrieg kamen vorübergehend Juden aus Osteuropa nach Vorarlberg, die in Bregenz und Hohenems Gemeinden bildeten. Die Mehrzahl derer wanderte jedoch nach Israel aus, sodass sich diese Gemeinden wieder auflösten. Die ungenutzte Synagoge in Hohenems wurde erst 1954 in ein Feuerwehrhaus umgewandelt. 
Die wiederholten Verfolgungen und Vertreibungen der Juden haben in Vorarlberg zu einem Untergang ihrer Kultur geführt. Deswegen wurde 1991 das Jüdische Museum Hohenems eröffnet, dessen Anliegen es ist, die „Geschichte der Juden in Vorarlberg zu erforschen, die Spuren jüdischer Vergangenheit zu sichern und zu erhalten und die kulturellen Werte des Judentums einer breiten Bevölkerungsschicht näher zu bringen.“
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300 Jahre Jüdische Geschichte in Hohenems

"Die jüdische Geschichte von Hohenems hatte 1617 mit der Ansiedelung der ersten Juden durch die örtliche Reichsgrafenfamilie ihren Anfang genommen und endete 1942 mit der Deportation der letzten Jüdin aus Hohenems ins Konzentrationslager Theresienstadt." 3

Noch heute sind viele Spuren der jüdischen Geschichte in der Stadt erkennbar: der noch immer benutzte Friedhof im Süden von Hohenems; die ehemalige Synagoge; die ehemalige jüdische Schule; das ehemalige Versorgungsheim für die Alten und Armen der jüdischen Gemeinde sowie zahlreiche Bürgerhäuser und Fabrikantenvillen.
Schon 1905 hat der Hohenemser Rabbiner Aron Tänzer mit seiner umfangreichen „Geschichte der Juden in Hohenems“ die Basis für eine Erforschung der Geschichte gelegt.

Die jüngste Stadt Vorarlbergs wurde über Jahrhunderte geprägt von zwei Straßen: die „Christengasse“ und die „Judengasse“. 1617 hatte der Reichsgraf Kaspar von Hohenems durch einen Schutzbrief die rechtliche Grundlage für die Ansiedelung jüdischer Familien und den Aufbau von Institutionen einer jüdischen Gemeinde geschaffen, um die Marktgemeinde durch jüdische Händler wirtschaftlich zu beleben. Trotz Vertreibungen im 17. Jahrhundert entwickelte sich eine traditionsreiche Gemeinde mit einem Friedhof, einer Synagoge, einer Schule, einem Versorgungsheim und einem Ritualbad (Mikwe).

Die Gemeinde wuchs im 18. Jahrhundert kontinuierlich und erreichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Staatsgrundgesetze von 1867, in welchen die Juden die freie Wahl ihres Wohnortes zugestanden bekamen, hatten die Abwanderung eines großen Teiles der Hohenemser Juden in größere Städte zu verantworten. Im Jahr 1935 schließlich zählte die Jüdische Gemeinde gerade noch 16 Mitglieder. Diese wenigen Verbliebenen bekamen die Auswirkungen der nationalsozialistischen Regierung zu spüren. 1938 wurde von der Gemeindeadministration das Vermögen der Kultusgemeinde beschlagnahmt, 1940 wurde das Viertel zwangsaufgelöst. Die letzten Juden wurden zunächst nach Wien und dann in die Konzentrations- und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa deportiert.

Von den ehemaligen Bewohnern des jüdischen Viertels kehrte niemand langfristig zurück. Nach dem Krieg lebten noch für wenige Jahre jüdische Überlebende des Holocaust, die so genannten „Displaced Persons“, in Hohenems.
Damit endete die über 300jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde, die zahlreiche wirtschaftliche und geistige Impulse gefördert hat. So wirkten in Hohenems etwa Rabbiner wie Abraham Kohn, ein gemäßigter Vertreter aufgeklärter Reformen; oder Aron Tänzer, der als liberaler Rabbiner und Historiker weit über Österreich hinaus bekannt war. Der berühmte Kantor und Reformator des Synagogengesangs Salomon Sulzer stammt aus Hohenems, ebenso wie Stefan Zweig, Jean Amery oder August Brentano ihre familiären Wurzeln in der Gemeinde haben. 4

 

Das jüdische Leben

In jüdischen Landgemeinden, wie Hohenems, war die religiöse Tradition bis weit in das 19. Jahrhundert der gemeinschaftsbildende Mittelpunkt. Neben dem Schabbat, der wöchentliche Ruhetag am Samstag, und den Gottesdiensten in der Synagoge, waren es vor allem die Jahres- und Lebensfeste, die die jüdische Religiosität auch für die christliche Mehrheit wahrnehmbar werden ließen.

Die Beachtung der jüdischen Religionsgesetze tritt bei vielen Hohenemser Juden im Laufe des 19. Jahrhunderts in den Hintergrund, gerade bei jenen, deren Beruf mit nicht-jüdischer Kundschaft verbunden ist.
Eine der Familien, die als Metzger, Bäcker und Gastwirte hervortreten, sind die Landauers. In drei Generationen führen Jeanette, Julie und Nanette Landauer seit den 1830er Jahren die Gastwirtschaft „Zur frohen Aussicht“ (diese wird noch Jahrzehnte später im Dialekt „Bi dr’ Schanett“ gerufen).

 

Bildnis von Jeannette Landauer, um 1830

 

Das jüdische Leben in Hohenems war vielseitig: hier wohnten reiche Kaufleute und arme Hausierer, große Fabrikanten und kleine Handwerker. Ihr Zusammenleben mit der christlichen Mehrheit war oft von einem freundschaftlichen Verhältnis geprägt. Dennoch kam es aber Immer wieder auch zu Ausgrenzungen und Diskriminierungen, die sich mit dem Aufkommen des Antisemitismus als Waffe des politischen Kampfes im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert verstärkten.5

 

Clara Heimann-Rosenthal

 

Clara Rosenthal heiratete 1891 den aus Antwerpen stammenden Kaufmann Josef Heimann. Die Familie Rosenthal war die wohlhabendste jüdische Familie in Hohenems. Entsprechen luxuriös wurde die Hochzeit gefeiert und das Brautpaar ließ sich in Belgien nieder.
Um 1900 beschäftigte die Firma Gebrüder Rosenthal tausend Arbeiter. Doch 1916 waren sie gezwungen, das Unternehmen in Hohenems zu verkaufen, denn die Weltwirtschaftskrisen ließen ihnen keine Wahl.
Als Clara 1906 nach Hohenems zurückkehrte, zählte die Gemeinde weniger als 100 Mitglieder. Am 31.05.1940 wurde sie nach Wien zwangsumgesiedelt und um ihre Staatszugehörigkeit zu klären, hatte der Hohenemser Bürgermeister ein Ausweisdokument für die „Umsiedlung“ ausgestellt. In Wien war die achtzigjährige Clara unter bedrückenden Verhältnissen untergebracht und wurde dann am 10.7.1942 von Wien ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 20.11.1942 unter ungeklärten Umständen.

Ausweisdokument für Clara Heimann, ausgestellt von Bürgermeister Wolfgang für die Zwangsumsiedlung nach Wien


Harry Weil

 

Er kehrte verwundet aus dem 1. Weltkrieg zurück und übernahm den Gemischtwarenladen seines Vaters und das Amt des letzten Kantors und Synagogendieners der jüdischen Gemeinde. Politisch engagiert, suchte er Anschluss an linke Gruppen, auch in der Illegalität nach 1934.
1938 gelang Ivan Landauer und ihm die Flucht vor dem Nationalsozialismus in die Schweiz.

 

 

Harry Weil mit Sohn Harry jun. und Frau, Chicago 1948


Salomon Sulzer

 

 

 

 

 

Er wurde 1804 in Hohenems geboren und erhielt mit 16 Jahren die Kantorenstelle in Hohenems. Sulzer begründete den „Wiener Ritus“ und war mit Franz Schubert und Franz Liszt befreundet. Seine Reform beeinflusste den Gebetsstil in vielen Synagogen, er vertonte Goethe-Gedichte und schrieb Lieder zur Revolution 1848. Salomon Sulzer starb 1890 in Wien.

 

 

 

 

Bildnis von Salomon Sulzer. Manzi Kestel-Bauer, 1904


Aron Tänzer

 

 

 

 

Der aus Pressburg stammende Aron Tänzer amtiert als Rabbiner in Hohenems von 1896 bis 1905. Sein Studium in Bern und Berlin führt ihn aus einem orthodoxen Umfeld hin zu einem liberalen und zugleich staatstreuen Judentum.
Im Mittelpunkt von Tänzers Vorstellungen steht weniger die religiöse Praxis als eine jüdische Ethik: Religion als Anleitung zu moralischer Lebensführung und verantwortlichem Handeln.
In seinem autobiografischen Text „Ich als Objekt“ begreift Tänzer seine Lebensgeschichte und geistige Entwicklung als Fundament für die eigene Moral und Selbsterziehung. Als Historiker schafft Tänzer die Grundlagen für das Wissen über die jüdische Geschichte von Hohenems, die er vorallem als Geschichte der Verwurzelung und Assimilation sieht. Eng befreundet mit dem liberalen Bürgermeister August Reis, legt er zugleich den Grundstein für das Hohenemser Gemeindearchiv.

 

 

 


Rabbiner Aron Tänzer, um 1920

 



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Das jüdische Viertel in Hohenems

 


Blick in die ehem
alige Judengasse, das Zentrum des Jüdischen Viertels, um 1900

 

Es gilt weit über Vorarlberg hinaus als eines der wenigen so lückenlos erhaltenen gebliebenen Viertel mit jüdischer Geschichte. 1996 erfolgte deshalb auch die Unterschutzstellung der wesentlichsten Teile des jüdischen Viertels durch das Denkmalamt.

Zusammen mit der ehemaligen „Christengasse“ (heute Marktstraße) bildet das ehemalige jüdische Viertel den Kern der Stadt. Der historische Baubestand des Zentrums ist ein kulturhistorisches Zeugnis für das jahrhundertelange Miteinanderleben von zwei Traditionsgemeinden – der christlichen und der jüdischen.

Der heutige Baubestand geht auf das ausgehende 18. und 19. Jahrhundert zurück. Erhalten sind – neben den Wohnhäusern und Villen der Familien – auch Gebäude, die religiösen und sozialen Gemeindefunktionen dienten. 7

Das jüdische Viertel spiegelt die soziale Situation der jüdischen Hohenemser wider. Sie waren für Handel und Geldverleih zuständig: städtische Funktionen, welche sie in ländlichen Gebieten ausübten. Für diese Tätigkeiten hatte Graf Kaspar die Juden in seine Grafschaft geholt. Sie waren bürgerlich orientiert und unterstützten die Entwicklung einer Gesellschaft, die mit der Industriellen Revolution ab der Mitte des 18. Jahrhunderts städtische Lebensformen auch auf dem Land umsetzen.
In Hohenems waren es beispielsweise die Brüder Rosenthal, welche die noch junge Technik des Textildrucks anwendeten. Im wasserreichen Hohenemser „Schwefel“ bauten sie eine florierende Textilfärberei und –druckerei auf. Bald zählten sie zu den bedeutendsten Unternehmern Vorarlbergs und werden zum größten Arbeitgeber und Steuerzahler in Hohenems. 8

 


Blick vom Schlossberg auf das Jüdische Viertel, um 1900

 

 

Blick vom Schlossberg, heute

 

 

Architektur und Wohnverhältnisse

Der Platz vor der Synagoge im Zentrum des Viertels wird auf einer Seite von mächtigen städtischen Bürgerhäusern gesäumt, die Ende des ausgehenden 18. Jahrhunderts erbaut worden sind. Um die Synagoge selbst aber stehen bis heute die vielen kleinen und auch weniger repräsentativ ausgestatteten Wohnhäuser der jüdischen Handwerker und Hausierer. Klar architektonisch herausragende Gebäude des Viertels sind die drei im klassizistischen Stil errichteten Villen der jüdischen Fabrikantenfamilie Rosenthal, die zwischen 1848 und 1889 erbaut worden sind.
1871 errichtete die jüdische Gemeinde nach einer Stiftung von Josef und Clara Rosenthal auch ein Armenhaus.

Schon im 19. Jahrhundert zogen christliche Familien in ehemalige jüdische Häuser, wie auch in der damaligen Christengasse ab spätestens 1810 jüdische Familien in so genannten „Christenhäusern“ wohnten. In vielen Gebäuden lebten jahrzehntelang christliche und jüdische Familien unter einem Dach.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Hohenems in die wirtschaftlichen Zentren der nahe gelegenen Schweiz, in die Städte der k.u.k. Donaumonarchie (Osteuropa) oder nach Übersee aus. 1938 waren nur mehr private Häuser des jüdischen Viertels auch in jüdischem Besitz. Die öffentlichen Gebäude wurden von der NS-Gemeindeverwaltung beschlagnahmt und nach 1945 wieder rückgestellt. Nach 1945 konnte sich jedoch kein jüdisches Gemeindeleben mehr in Hohenems etablieren. 9

 

 

Der Umgang mit dem Erbe

Neben dem Aufbau des jüdischen Museums und der Renovierung der Villa Heimann-Rosenthal wurden schon einige Häuser in der ehemaligen Judengasse, der heutigen Schweizer Straße renoviert.

 


Villa Heimann-Rosenthal, erbaut 1864, seit 1991 Jüdisches Museum Hohenems

 

Das jüdische Museum hat sich immer wieder mit dem jüdischen Viertel und seinen Bewohnern befasst und wirkte bei einer Arbeitsgruppe mit, die sich für die zukünftige Entwicklung des Viertels einsetzte. Stadtplanerische Projekte für diesen kunsthistorisch wertvollen Stadtteil wurden vorgestellt und fünf Architekten damit beauftragt. Diese sollten eine Expertise zur künftigen Bebauung des historischen Zentrums von Hohenems erarbeiten, im Mittelpunkt sollte aber der Umgang mit dem „jüdischen Viertel“ stehen.

Heute sind bereits einige Gebäude renoviert: die Synagoge, das Schulgebäude und Privatgebäude wurden liebevoll restauriert und sind nun wieder bewohnbar.

Viele Jahrzehnte lang war es auch ein weltoffener, lebendiger und kulturell vielschichtiger Ortteil Hohenems’. Unzählige Schmelzpunkte der Gemeinschaften belebten den Stadtkern zwischen Christen- und Judengasse: das erste Kaffeehaus Vorarlbergs, Gaststätten, kleine Läden und Handwerksbetriebe bis hin zur Synagoge unweit der katholischen Kirche.
Herz Jacob Kitzlinger eröffnete um 1800 in Hohenems das erste Kaffeehaus. Die Salonkultur blühte und es werden Lesegesellschaften gegründet. 
Im 19. Jahrhundert entwickelten sich diese Orte zu Treffpunkten zwischen Angehörigen der Minderheits- und der Mehrheitsgesellschaft. Besonders kleine Räume des alltäglichen Zusammentreffens, wie das „Gasthaus zur Frohen Aussicht“ und die Krämerläden von Sara Fränkel und Jakob Weil, waren von größter Bedeutung für die zeitweise Integration der jüdischen Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft. 10
Doch in der Zeit des Nationalsozialismus scheiterten diese liberalen Ansätze. 

 

   

Die ehemalige Synagoge in Hohenems

Die Synagoge wurde 1771/72 nach Plänen des Bregenzerwälder Barockbaumeisters Peter Bein erbaut – sie wurde 1954/55 in ein Feuerwehrhaus umgebaut – ist das Zentrum im jüdischen Viertel und wurde auch als erstes Gebäude renoviert.
Der imposante gewölbte Saalbau stellte im 18. Jahrhundert ein herausragendes Beispiel für eine spätbarock-klassizistische Landsynagoge dar.

 


Die Hohenemser Synagoge, Aquarell 1931

 

Im Inneren der Synagoge, die den geforderten Richtlinien entsprach, wies die Einrichtung eine Besonderheit auf. In Synagogen war es üblich die Decken mit ornamental-abstrakten Malereien zu gestalten (zum Beispiel ein Sternenhimmel), doch die Hohenemser Synagoge hatte die Decke mit figurativen Darstellungen geschmückt: über dem Vorbeterpult im Osten war das Thema die Schöpfung des Lichtes, in der Mitte die Offenbarung am Berge Sinai und ein Wolkenmeer mit zuckenden Blitzen. And den Seitenwänden hingen fünf Medaillons mit Darstellungen aus dem Synagogenkultus.

Nach Plänen des Schweizer Architekten Felix Wilhelm Kubly erfolgte 1863 bis 1867 ein erster Umbau. Erneuert wurden: der heilige Schrein und die Kanzel, die Sitze für den Rabbiner, den Kantor und den Gemeindediener. Das Vorlesepult wurde von der Raummitte auf ein Podest vor dem Thoraschrein verlegt und für den Chor und das von Salomon Sulzer gestiftete Harmonium baute man eine neue Galerie. 11

 

Beschlagnahmung und Zerstörung

Die Synagoge blieb in der Reichsprognomnacht am 9. November 1938 von Plünderungen und Zerstörungen verschont, aber im September 1940 konnte die Gemeinde Hohenems nach der Zwangsauflösung des jüdischen Viertels das Gebäude arisieren. Eine detaillierte Inventarliste listet die am 17. November 1938 beschlagnahmten Ritualgegenstände auf, die seither verschwunden sind. Angenommen wird, dass vieles davon eingeschmolzen wurde. 12

 

 


Gegenüberstellung des Innenraums der Synagoge mit der Innenansicht nach dem Umbau zur Feuerwehr

 

Die Gemeinde Hohenems beschloss in der Nachkriegszeit das Synagogengebäude der jüdischen Kultusgemeinde Innsbruck abzukaufen und in ein Feuerwehrhaus umzubauen. Mit diesem Umbau wurden 1954/55 endgültig alle Elemente und Verzierungen zerstört, die an die Geschichte des Gebäudes als Synagoge erinnerten. Der ehemalige Betraum wurde durch den Einbau einer Decke zweigeschossig. Alle sakralen Elemente der Außenfassade  sowie die Gewölbeteile und Deckengemälde wurden entfernt und die Rundbogenfenster wie alle weiteren durch eckige ersetzt. Die Garagentore der Feuerwehr dominierten seitdem die Fassade, an der einst die Apsis auf den Thoraschrein aufmerksam gemacht hat. Der Glockenturm wurde in der gesamten Höhe durch einen Schlauchturm ersetzt und das veränderte Gebäude wurde bis 2001 als Zeughaus genutzt. 13

 


Die Feuerwehr Hohenems, 1991


Teilweiser Umbau und neue Perspektiven

ehemalige Synagoge nach dem Umbau, 2004

 

Heute ist im ehemaligen Feuerwehrhaus unter bewusster Bezug- und Rücksichtnahme auf die einstige Nutzung als Synagoge ein kultureller Ort entstanden, der seine frühere Würde zumindest teilweise zurückerhalten hat. Das Gebäude wurde zu einem Veranstaltungsort umgebaut: der frühere Betraum hat seine ursprüngliche Kubatur zurückerhalten, die hohen Fenster mit den Ochsenaugen und die Frauengalerie wurden teilweise wiederhergestellt. Der Saal wird als Raum für Kulturveranstaltungen, Konzert und auch Hochzeiten genützt. Im zweiten Obergeschoss und im hinteren Teil befindet sich die Musikschule „Tonart“.14

Innenansicht der neu restaurierten Synagoge, benannt nach Salomon Sulzer

 

 

Der jüdische Friedhof

Der jüdische Friedhof in Hohenems entstand im selben Jahr in dem die Juden in Hohenems angesiedelt wurden. Graf Caspar von Hohenems nahm 12 jüdische Familien aus Süddeutschland und der Schweiz in seiner Reichsgrafschaft auf und wies ihnen ein Stück Land im so genannten „Schwefel“, am Ortsende von Hohenems zu, das sie für jüdische Begräbnisse nutzen konnten. 15

Der Friedhof liegt an einem bewaldeten Bergabhang. Insgesamt dürften sich weit über 500 Gräber auf dem Grundstück befinden, davon sind bis heute 370 Grabsteine erhalten geblieben. Im Judentum darf ein Grabplatz nur einmal vergeben werden und wird als Eigentum des Verstorbenen angesehen. Diese Unauflösbarkeit jüdischer Grabstätten macht sie zu bedeutenden kulturhistorischen Zeugnissen.

In den letzten Jahren wurde eine Vermessung des Friedhofs, eine fotografische Dokumentation der vorhandenen Grabsteine mit einer Erfassung der deutschen und hebräischen Inschriften (mit Übersetzung) und eine kunsthistorische Beschreibung der interessantesten Grabsteine erstellt. Mit diesen Daten wurde eine Datenbank erstellt.

Nachdem der Jüdische Friedhof die Zeit des Nationalsozialismus überstanden hatte, kauften Nachkommen, die in der Schweiz wohnten, den Friedhof und gründeten den „Verein zur Erhaltung des jüdischen Friedhofs in Hohenems“. Der Friedhof existiert bis heute weiter: verschiedene Menschen wurden seitdem dort begraben und einige Nachkommen und Vorarlberger Juden haben sich bereits Grabplätze reservieren lassen. 16

Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof in Hohenems

 

 

 

 

 

1 aus „Geschichte der Juden in Hohenems"  

2 Zitat und Quelle: jüdisches Museum Hohenems 

3 Zitat: jüdisches Museum  

4 aus „Geschichte der Juden in Hohenems" und jüdisches Museum Hohenems  

5 aus „Geschichte der Juden in Hohenems"  

6 Biografien: jüdisches Museum Hohenems  

7 Quelle: jüdisches Museum Hohenems

8 Vergleich: „Geschichte der Juden in Hohenems"

9 aus „Geschichte der Juden in Hohenems" und jüdisches Museum Hohenems

10 Vergleich: „Geschichte der Juden in Hohenems"  

11 Vergleich: „Geschichte der Juden in Hohenems"

12 Vergleich: jüdisches Museum Hohenems

13 Vergleich: jüdisches Museum Hohenems

14 Quelle: Musikschule Tonart

15 Vergleich: „Geschichte der Juden in Hohenems"

16 Quelle: http://www.hohenems.at

 

 

Quellen:

„Geschichte der Juden in Hohenems“; Aron Tänzer; Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe von F. W. Ellmenreich's Verlag, Meran 1905. H. Lingenhöle & Co. Bregenz 1971

jüdisches Museum

Zeitzeuge: Herta Pichler, Jahrgang 1930

 

Bilder:

jüdisches Museum