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1. Veränderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt
Die Jahrzehnte vor und nach der Jahrhundertwende also die Zeit von 1870 bis 1930 sind geprägt von tiefgreifenden Umwälzungen im Leben der Menschen in Europa und Amerika. Es bilden sich jene Grundstrukturen heraus, die bis heute die moderne Gesellschaft ausmachen:
In den Zwanziger Jahren ist der Einfluss
der Masse jedoch noch durchwegs ein positiver. Es entwickeln sich ansatzweise
Wohlfahrtsstaaten. In Österreich beispielsweise wird von 1918 bis
1933 eine Reihe von Gesetzen zu Arbeitsrecht, Sozialfürsorge und Interessensvertretungen
verabschiedet. Weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt
wird der soziale Wohnbau der sozialdemokratisch geführten Gemeinde
Wien. Bis 1933 werden 60000 Wohnungen errichtet, die durch große
Innenhöfe mit Kindergärten, Geschäften und anderer Infrastruktur
erstaunlich hohe Wohnqualität erzielen.
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Beim Anblick des Karl-Marx-Hofes versteht man, warum diese Wohnanlagen als "Arbeiterpaläste" und "rote Festungen" bezeichnet werden. |
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Mit neuen Entwicklungen in Kunst (Expressionismus, Kubismus, etc.), Architektur und Design (Bauhaus) manifestieren sich die tiefgreifenden Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. |
Die Industrialisierung ist zwar Motor der gesellschaftlichen Veränderungen, viel radikalere Auswirkungen auf die Sozialstruktur in Europa haben jedoch die politischen Umbrüche infolge des Ausgangs des Ersten Weltkriegs. Hier sind drei Tendenzen feststellbar:
Die nächste Belastung kommt am 28. Juni 1919 mit der Unterzeichnung des "Versailler Vertrages" auf die junge deutsche Demokratie zu. Die harten Bestimmungen, in denen das besiegte Deutschland auch moralisch vernichtet wird, schaffen ein politisches Klima des Hasses und des Rachegedankens, bereiten den Boden für Demagogen wie Hitler und sind sicherlich der größte politische Fehler der Siegermächte. Der Haß der Deutschen richtet sich mangels Greifbarkeit der Alliierten vornehmlich gegen die deutschen Unterzeichner des Waffenstillstandes und des Friedensvertrages. Die Dolchstoßlegende, die besagt dass der Krieg nicht an der Front sondern durch Verräter des Hinterlandes verloren wurde, wird von unfähigen Weltkriegsgenerälen wie Hindenburg und Ludendorff zu deren eigenem politischen Überleben in die Welt gesetzt. Die Folgen dieses Klimas sind Putschversuche (Kapp-Putsch 1920, Hitler-Ludendorff-Putsch 1923) und Attentate auf die als "Novemberverbrecher" gebrandmarkten Unterzeichner der Verträge wie den Zentrumspolitiker Mathias Erzberger und den Sozialdemokraten Walther Rathenau. Schon in den Wahlen zum ersten Reichstag am 6. Juni 1920 erreichen die nichtdemokratischen linken und rechten Parteien zusammen 48% der Stimmen.
Darüber hinaus ist für das besiegte Deutschland die internationale Isolation eine schwere Hypothek. Die Sieger gründen nach Punkt 14 des Wilsonplans den Völkerbund verwehren aber Deutschland bis 1926 die Aufnahme, der Sowjetunion sogar bis 1934. Was liegt also näher als eine Annäherung der beiden isolierten Staaten. Im Vertrag von Rapallo (an der italienischen Riviera) vereinbaren sie 1922 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen sowie wirtschaftliche und militärische Kooperation.
Die französische Außenpolitik ist geprägt von einem starken Sicherheitsbedürfnis gegenüber Deutschland, das in der Besetzung des Ruhrgebiets (1923-25) zur Deckung der französischen Reparationsansprüche gipfelt. Die deutsche Seite reagiert mit passivem Widerstand, doch die Streitereien erweisen sich für beide Seiten als wirtschaftlich katastrophal. In weiterer Folge betreten weitsichtigere Politiker die Bühne. Die Außenminister Gustav Stresemann und Aristide Briand regeln im Vertrag von Locarno das deutsch-französische Verhältnis und erhalten dafür 1926 den Friedensnobelpreis. Das Abkommen stößt allerdings in nationalen Kreisen beider Seiten auf große Ablehnung und wird im deutschen Reichstag erst nach heftigen Debatten ratifiziert. Durchsetzen können sich die ultrarechten Nationalisten in Deutschland erst im Gefolge der Weltwirtschaftskrise ab 1929.
Die wirtschaftlichen Krisen in den 20er und 30er Jahren können nicht über einen Kamm geschert werden, denn sie haben unterschiedliche Ursachen, Verläufe und Auswirkungen. Im Wesentlichen können zwei Typologien festgestellt werden:
Die Kriegskosten werden in den europäischen Staaten, auch von den Siegermächten Großbritannien und Frankreich, teilweise durch ein Ankurbeln der Notenpresse finanziert während gleichzeitig die im Umlauf befindliche Warenmenge kriegsbedingt zurückgeht. Dies löst eine Geldentwertung aus, die durch den Wiederaufbau und die Unterstützung Kriegsgeschädigter nach dem Krieg noch verschärft wird. Die Stabilisierung der Währungen durch Währungsreformen und sparsame Haushaltspolitik gelingt erst bis 1925.Am schlimmsten trifft die Hyperinflation das durch die Ruhrkrise zusätzlich belastete Deutschland. Während 1US$ im Jahr 1914 noch 4,2 Mark kostete, so sind im November 1923 4,2 Billionen Mark dafür zu zahlen. Auch in Österreich steigt der Dollarkurs von 1914 bis Ende 1922 von 4,9 Kronen auf über 70 000 Kronen. Hier gelingt die Sanierung mit Hilfe eines Völkerbundkredits unter strengen Auflagen. Die christlichsoziale Regierung (die Sozialdemokraten sind inzwischen in Opposition) unter Prälat Ignaz Seipel verpflichtet sich zu konsequenter Haushaltsdisziplin und unterstellt die Finanzgebarung des Staates der Aufsicht eines Völkerbundkommissars. Sie entlässt 84000 Beamte und kürzt die Sozialleistungen, in Folge verschärft sich die Arbeitslosigkeit. Mit der Einführung des Schillings (1924) wird zwar die Sanierung der Währung abgeschlossen, die Sanierung der Volkswirtschaft, die zudem unter dem Verlust des großen Wirtschaftsraumes der Habsburgermonarchie leidet, gelingt nicht.
Zu den Gewinnern der Inflation gehören die Staaten, die ihre Kriegsschulden loswerden und Spekulanten die mit Krediten Sachwerte kaufen, während auf der anderen Seite Handwerker, Händler, Beamte und Angestellte ihre Ersparnisse verlieren und finanziell ruiniert sind. Diese von der demokratischen Republik betrogenen Kleinbürger wenden sich später den faschistischen Ideologien zu, die versprechen, den Abstieg in das Proletariat zu verhindern.
Nach der Stabilisierung der Währungen kommt es in Europa zum wirtschaftlichen Aufschwung, der jedoch vielfach durch kurzfristige amerikanische Anleihen finanziert wird, wodurch Europa vom amerikanischen Finanzmarkt abhängig wird. Folgerichtig nimmt die "Große Depression" der 30er Jahre von Amerika ihren Ausgang. Am "schwarzen Freitag" (25. Oktober 1929) bricht an der Wall Street ohne feststellbare Ursache eine Panik aus, die die Aktienkurse innerhalb eines Tages halbiert und dann noch weiter abstürzen lässt. Dieser Börsenkrach ist jedoch nicht der eigentliche Grund für die Weltwirtschaftskrise sondern Symptom einer länger bestehenden Entwicklung. In groben Zügen liest sich die Abwärtsspirale so:
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| Arbeitsloser in Wien | SA-Werbepostkarte |
Immer mehr Politiker erkennen, dass eine Lösung der Probleme nur mit massiven staatlichen Eingriffen möglich ist. Legendär ist der keynesianische "New Deal" des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1933-45). Auch die autoritäre Dollfußregierung in Österreich versucht die Probleme mit Bauprojekten (zB Großglockner Hochalpenstraße) zu lindern, doch die Maßnahmen zum Ankurbeln der Volkswirtschaft sind aufgrund der fortgesetzten Sparpolitik nicht ausreichend und Erfolge stellen sich nur schleppend ein.
Arbeitslosenzahlen in Deutschland und Österreich 1922-1938
4. Österreich - der Staat, den keiner wollte
Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wird am 12. November 1918
die demokratische Republik Deutschösterreich proklamiert. Der neue
Staat hat von Beginn an mit einer Fülle von Problemen zu kämpfen.
Die Grenzen des neuen Staats sind noch keineswegs festgelegt. In einigen
Gebieten (Kärnten, Ödenburg) werden noch Volksabstimmungen über
die Zugehörigkeit zu Österreich entscheiden. Vorarlberg, Tirol
und Salzburg führen von sich aus Abstimmungen über einen Anschluss
an Deutschland bzw. die Schweiz durch, die mit überwältigender
Mehrheit gegen Österreich ausgehen. Selbst die Spitzen der provisorischen
Regierung sehen Deutschösterreich als Teil des Deutschen Reiches und
streben einen Anschluss an Deutschland an. Die Konkursmasse des Habsburgerreiches
wird von vielen als nicht lebensfähig angesehen, da sie herausgerissen
aus dem großen Wirtschaftsraum der Donaumonarchie, von ehemaligen
Märkten und Produktionsstätten abgeschnitten ist. Doch allen
Anschlussphantasien macht der Vertrag von St.
Germain einen Strich durch die Rechnung indem er ein ausdrückliches
Anschlussverbot an Deutschland und die Streichung von "Deutsch" aus dem
Namen Deutschösterreich verfügt. Die von außen verordnete
Selbständigkeit eines Staates, den viele nicht wollen, lässt
nicht gerade optimistisch in die Zukunft blicken. Dennoch versuchen die
verantwortlichen Politiker, den neuen Staat auf eine solide Grundlage zu
stellen. Noch 1920 beschließt die Koalition die heute noch gültige,
von Hans Kelsen ausgearbeitete bundesstaatliche Verfassung. Schon die Wahlen
vom Herbst 1920 bringen den bürgerlichen Parteien eine deutliche Mehrheit
im Nationalrat, die Sozialdemokraten scheiden aus der Regierung aus, während
Wien weiterhin sozialdemokratisch geführt bleibt. Das nächste
Jahrzehnt ist geprägt von einem Gegeneinander der drei politischen
Lager (Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Großdeutsche).
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Aus dem Justizpalastbrand schlagen die Christlichsozialen politisches Kleingeld indem sie die Angst vor einem roten Putsch schüren. |
Während die Sozialdemokraten eine Abrüstung der Wehrverbände anregen, wird das bürgerliche Lager immer militaristischer, die Heimwehr wird, unterstützt durch Mussolini immer mehr zum politischen Faktor. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise erringen die Sozialdemokraten bei den Wahlen von 1930 die relative Mehrheit, werden aber durch kurzlebige bürgerliche Koalitionen von der Regierung ferngehalten.
Der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, dessen Regierung nur durch eine hauchdünne Mehrheit abgesichert ist nützt den Rücktritt aller drei Parlamentspräsidenten am 4. März 1933, um das Parlament auszuschalten und mit Hilfe des "Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes" von 1917 autoritär zu regieren. Schritt für Schritt werden demokratische Institutionen abgeschafft, Parteien verboten und Anhaltelager (ZB Wöllersdorf) errichtet. Anstelle der christlichsozialen Partei wird als Einheitspartei die "Vaterländische Front" gegründet. Gegen diese Entwicklung leisten die Sozialdemokraten im Bürgerkrieg vom 12. - 15. Februar 1934 bewaffneten Widerstand, der von Polizei und Bundesheer brutal niedergeschlagen wird. Allein der Wiener Schutzbund hat über 1000 Tote zu beklagen. Die sozialdemokratischen Führer sind geflohen, ermordet oder verhaftet, die Opposition ist gelähmt.
Am 1. Mai 1934 wird eine neue Verfassung verkündet, nach der Österreich ein "Christlicher Bundesstaat auf berufsständischer Grundlage" ist. Die Vaterländische Front wird zur Monopolorganisation für die politische Willensbildung. Mit Führerprinzip, Wehrverbänden, Jugendorganisationen, Uniformierung, Großkundgebungen und Massenaufmärschen werden Elemente des Nationalsozialismus kopiert. Österreich trägt alle Merkmale eines faschistischen Staates.
Dollfuß wird am 25. Juli 1934 in einem gescheiterten Naziputsch ermordet, sein Nachfolger Kurt Schuschnigg behält das autoritäre Regime bei.
Räterepublik: Nach frühsowjetischem Beispiel geschaffene Regierungsform mit folgenden Merkmalen:
Versailler Vertrag: der Friedensvertrag, den die alliierten Siegermächte Deutschland aufzwingen, wird in Deutschland als Versailler Diktatfriede bezeichnet und enthält folgende Bestimmungen:
Völkerbund: Am 29. April 1919 gegründete internationale Staatengemeinschaft mit Sitz in Genf, kann als Vorläuferorganisation der UNO betrachtet werden, hat aber im Gegensatz zu dieser keine militärische Gewalt.
Vertrag von Locarno: (Locarno im Tessin) Deutschland anerkennt die im Versailler Vertrag festgelegte Westgrenze und wird dafür in den Völkerbund aufgenommen, Frankreich beendet die Ruhrgebietsbesetzung, Italien und Großbritannien unterschreiben als Garantiemächte.
Keynesianisch: Der englische Nationalökonom John Maynard Keynes hält in seinem Essay "The End of Laissezfaire" (1926) staatliche Eingriffe zur Verringerung der Deflation und Sicherung der Beschäftigung für nötig.
New Deal: (Neuverteilung der Spielkarten) Maßnahmen des Amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1933-1945) gegen die Wirtschaftskrise; Reform des Finanzsystems (Stützung der Banken, staatliche Einlagengarantie, Überwachung der Börse), Hilfe für Arbeitslose, Sanierung der Landwirtschaft (Prämien für Verringerung der Produktion, Umweltschutzmaßnahmen), Investitionen in Infrastruktur (Staudämme, Bewässerungsanlagen...), Wirtschaftslenkung durch den Staat (Preiskontrolle, Mindestlöhne, Kollektivverträge), soziale Sicherheit.
Ständestaat: Faschistische Diktatur in Österreich von 1933-1938, Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1932-1934), Kurt Schuschnigg (1934-1938). Anstelle eines Parlaments sollen nach der Maiverfassung von 1934 berufsständische Organisationen ähnlich den mittelalterlichen Zünften und Gilden die Vertretung unterschiedlicher Interessen übernehmen. Allerdings wird dabei auf soziale Unterschiede und Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Gegensätze keinerlei Rücksicht genommen. Da die Entwicklung der berufsständischen Organisationen langsam vor sich geht, liegt das Machtmonopol faktisch in den Händen der Einheitspartei "Vaterländische Front".
Scheucher etc, Zeitbilder 7, Wien 1993
Heinz Dieter Schmid, Fragen an die Geschichte 4, Frankfurt a. M. 1984
August Nitschke etc., Jahrhundertwende, Der Aufbruch in die Moderne 1880-1930, Hamburg 1990
Hagen Schulze, Weimar, Deutschland 1917-1933, Berlin 1982
Bernhard Denscher, Tagebuch der Straße, Geschichte in Plakaten, Wien 1981
Helmut Weihsmann, Das Rote Wien, Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-1934, Wien 1985
Erika Weinzirl/Kurt Skalnik, Österreich 1918-1938, Graz 1983
Erich Zöllner, Geschichte Österreichs, Wien 1961
Hugo Portisch, Österreich I, Die unterschätzte Republik, Wien 1989
Hanns Leo Mikoletzky, Österreichische Zeitgeschichte, Vom Ende der Monarchie bis zum Abschluß des Staatsvertrages, Wien 1962
Karl-Marx-Hof: Bildagentur Buenos Dias, Wien
Ford Fließband: Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin
Großstadt (Otto Dix): Galerie der Stadt Stuttgart
Meisterhäuser des Bauhauses in Dessau (Walter Gropius, 1925/26): Bauhaus-Archiv, Berlin
Volksempfänger (Ingelen): Technisches Museum, Wien
Inflationsgeld: Deutsche Bundespost, Bonn
Arbeitsloser: Österr. Institut für Zeitgeschichte, Wien
SA-Werbepostkarte: Text des Horst-Wessel-Liedes, Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin
Christlichsoziales Wahlplakat: Graphische Sammlung Albertina, Wien
Sozialdemokratisches Wahlplakat: Wiener Stadt- und Landesbibliothek
Großdeutsches Wahlplakat: Graphische Sammlung Albertina, Wien
Christlichsoziales Wahlplakat (Justizpalastbrand): Inhaber der Rechte unbekannt.