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WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE KRISEN IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT

Übersicht

  1. Veränderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt
  2. Politische Entwicklung
  3. Wirtschaftskrisen
  4. Österreich - der Staat, den keiner wollte
Anhang: Begriffserklärungen, Literatur, Bildnachweis,

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1. Veränderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt

Die Jahrzehnte vor und nach der Jahrhundertwende also die Zeit von 1870 bis 1930 sind geprägt von tiefgreifenden Umwälzungen im Leben der Menschen in Europa und Amerika. Es bilden sich jene Grundstrukturen heraus, die bis heute die moderne Gesellschaft ausmachen:

Die breite Masse der Bürger und Arbeiter wird immer mehr zu einem politischen Faktor, der sich zuerst in der Februarrevolution in St. Petersburg durchsetzt, in der der Zar gestürzt und durch eine bürgerliche Regierung ersetzt wird, die ihrerseits in der Oktoberrevolution durch die Bolschewiken beseitigt wird. Nach dem ersten Weltkrieg erzielen auch die mitteleuropäischen Arbeiterbewegungen immer mehr Erfolge. Andererseits beginnen demagogische Politiker die Massen für ihre Zwecke einzusetzen. Neben Mussolini erkennt vor allem Hitler, der Meister der Demagogie die Lenkbarkeit der Massen. Er schreibt schon 1924: "...liebt auch die Masse mehr den Herrscher als den Bittenden und fühlt sich im Innern mehr befriedigt durch eine Lehre, die keine andere neben sich duldet, als durch die Genehmigung liberaler Freiheit. Sie ahnt den innersten Irrsinn der ganzen Lehre in keiner Weise, sondern sieht nur die rücksichtslose Kraft und Brutalität ihrer zielbewussten Äußerungen, der sie sich endlich beugt." (Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1940, Seite 44).

In den Zwanziger Jahren ist der Einfluss der Masse jedoch noch durchwegs ein positiver. Es entwickeln sich ansatzweise Wohlfahrtsstaaten. In Österreich beispielsweise wird von 1918 bis 1933 eine Reihe von Gesetzen zu Arbeitsrecht, Sozialfürsorge und Interessensvertretungen verabschiedet. Weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt wird der soziale Wohnbau der sozialdemokratisch geführten Gemeinde Wien. Bis 1933 werden 60000 Wohnungen errichtet, die durch große Innenhöfe mit Kindergärten, Geschäften und anderer Infrastruktur erstaunlich hohe Wohnqualität erzielen.
 
 

Beim Anblick des Karl-Marx-Hofes versteht man, warum diese Wohnanlagen als "Arbeiterpaläste" und "rote Festungen" bezeichnet werden.

In dieselbe Zeit fällt der Eintritt der Frauen in Arbeitswelt und Politik. Während die "ideale" bürgerliche Frau des 19. Jahrhunderts noch die passive, empfindsame, geduldige, untergebene Hausfrau war, werden nun freiwillig oder notgedrungen immer mehr Frauen berufstätig. Bürgerliche und proletarische Frauenbewegungen fordern Gleichberechtigung und das Stimmrecht, das in den meisten Demokratien bis 1920 in manchen (Frankreich, Italien, Belgien, Griechenland, Schweiz) erst nach dem 2. Weltkrieg eingeführt wird.
 
Besonders in Amerika verändert sich die Arbeitswelt stark durch neue Produktionsmethoden (Fließband) und die verstärkte Produktion von Gebrauchsgütern wie Autos (auf dem Foto sieht man die Fertigung des Ford T Modells), Waschmaschinen, Radios und anderen Haushaltsgeräten. Europa macht mit einiger Verspätung ähnliche Entwicklungen durch.
Auch puncto Lifestyle orientieren sich die Europäer in den Zwanziger Jahren am "gelobten Land" USA. Schallplatten, Radios und Kinos spielen häufig amerikanische Produkte, Jazz und Charleston werden populär, in Berliner Clubs feiern Nackttänzerinnen wie Josephine Baker wahre Triumpfe während Kriegsversehrte und Arbeitslose ein Dasein in Armut fristen.
 
 

 

 

 

Das Triptychon "Großstadt" von Otto Dix (1927) stellt diesen Widerspruch dar.
 
Mit neuen Entwicklungen in Kunst (Expressionismus, Kubismus, etc.), Architektur und Design (Bauhaus) manifestieren sich die tiefgreifenden Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
 
Nicht zuletzt wurzelt auch die moderne Mediengesellschaft in dieser Zeit. 

Neben Film und Grammophon ist vor allem der Rundfunk zuerst nur Unterhaltung, später aber das Transportvehikel Nationalsozialistischer Propaganda.

 

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2. Politische Entwicklung

Die Industrialisierung ist zwar Motor der gesellschaftlichen Veränderungen, viel radikalere Auswirkungen auf die Sozialstruktur in Europa haben jedoch die politischen Umbrüche infolge des Ausgangs des Ersten Weltkriegs. Hier sind drei Tendenzen feststellbar:

Während Frankreich schon seit dem Sturz Napoleons III. (1871) eine republikanische Regierungsform hat, betreffen diese Umwälzungen vor allem Deutschland und Österreich wo zum ersten Mal sozialdemokratisch geführte Regierungen installiert werden. Der Übergang zu diesen bürgerlich - sozialdemokratischen Regierungen verläuft jedoch in keiner Weise friktionslos. In Deutschland spaltet sich der linke Flügel der regierenden SPD ab. Die sogenannten Spartakisten mit ihren bewaffneten Formationen gründen unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Kommunistische Partei und errichten in Berlin, Bremen, Hamburg und München Räterepubliken während die sozialdemokratisch geführte Regierung (Friedrich Ebert) sich nach Weimar zurückzieht und dort eine parlamentarische Verfassung beschließt ("Weimarer Republik"). Die Räterepubliken werden schon im Frühjahr 1919 durch die sozialdemokratische (!) Regierung mit Hilfe von rechtsradikalen Freikorps beseitigt, die Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und viele andere brutal ermorden.

Die nächste Belastung kommt am 28. Juni 1919 mit der Unterzeichnung des "Versailler Vertrages" auf die junge deutsche Demokratie zu. Die harten Bestimmungen, in denen das besiegte Deutschland auch moralisch vernichtet wird, schaffen ein politisches Klima des Hasses und des Rachegedankens, bereiten den Boden für Demagogen wie Hitler und sind sicherlich der größte politische Fehler der Siegermächte. Der Haß der Deutschen richtet sich mangels Greifbarkeit der Alliierten vornehmlich gegen die deutschen Unterzeichner des Waffenstillstandes und des Friedensvertrages. Die Dolchstoßlegende, die besagt dass der Krieg nicht an der Front sondern durch Verräter des Hinterlandes verloren wurde, wird von unfähigen Weltkriegsgenerälen wie Hindenburg und Ludendorff zu deren eigenem politischen Überleben in die Welt gesetzt. Die Folgen dieses Klimas sind Putschversuche (Kapp-Putsch 1920, Hitler-Ludendorff-Putsch 1923) und Attentate auf die als "Novemberverbrecher" gebrandmarkten Unterzeichner der Verträge wie den Zentrumspolitiker Mathias Erzberger und den Sozialdemokraten Walther Rathenau. Schon in den Wahlen zum ersten Reichstag am 6. Juni 1920 erreichen die nichtdemokratischen linken und rechten Parteien zusammen 48% der Stimmen.

Darüber hinaus ist für das besiegte Deutschland die internationale Isolation eine schwere Hypothek. Die Sieger gründen nach Punkt 14 des Wilsonplans den Völkerbund verwehren aber Deutschland bis 1926 die Aufnahme, der Sowjetunion sogar bis 1934. Was liegt also näher als eine Annäherung der beiden isolierten Staaten. Im Vertrag von Rapallo (an der italienischen Riviera) vereinbaren sie 1922 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen sowie wirtschaftliche und militärische Kooperation.

Die französische Außenpolitik ist geprägt von einem starken Sicherheitsbedürfnis gegenüber Deutschland, das in der Besetzung des Ruhrgebiets (1923-25) zur Deckung der französischen Reparationsansprüche gipfelt. Die deutsche Seite reagiert mit passivem Widerstand, doch die Streitereien erweisen sich für beide Seiten als wirtschaftlich katastrophal. In weiterer Folge betreten weitsichtigere Politiker die Bühne. Die Außenminister Gustav Stresemann und Aristide Briand regeln im Vertrag von Locarno das deutsch-französische Verhältnis und erhalten dafür 1926 den Friedensnobelpreis. Das Abkommen stößt allerdings in nationalen Kreisen beider Seiten auf große Ablehnung und wird im deutschen Reichstag erst nach heftigen Debatten ratifiziert. Durchsetzen können sich die ultrarechten Nationalisten in Deutschland erst im Gefolge der Weltwirtschaftskrise ab 1929.

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3. Wirtschaftskrisen

Die wirtschaftlichen Krisen in den 20er und 30er Jahren können nicht über einen Kamm geschert werden, denn sie haben unterschiedliche Ursachen, Verläufe und Auswirkungen. Im Wesentlichen können zwei Typologien festgestellt werden:

Die Kriegskosten werden in den europäischen Staaten, auch von den Siegermächten Großbritannien und Frankreich, teilweise durch ein Ankurbeln der Notenpresse finanziert während gleichzeitig die im Umlauf befindliche Warenmenge kriegsbedingt zurückgeht. Dies löst eine Geldentwertung aus, die durch den Wiederaufbau und die Unterstützung Kriegsgeschädigter nach dem Krieg noch verschärft wird. Die Stabilisierung der Währungen durch Währungsreformen und sparsame Haushaltspolitik gelingt erst bis 1925.

Am schlimmsten trifft die Hyperinflation das durch die Ruhrkrise zusätzlich belastete Deutschland. Während 1US$ im Jahr 1914 noch 4,2 Mark kostete, so sind im November 1923 4,2 Billionen Mark dafür zu zahlen. Auch in Österreich steigt der Dollarkurs von 1914 bis Ende 1922 von 4,9 Kronen auf über 70 000 Kronen. Hier gelingt die Sanierung mit Hilfe eines Völkerbundkredits unter strengen Auflagen. Die christlichsoziale Regierung (die Sozialdemokraten sind inzwischen in Opposition) unter Prälat Ignaz Seipel verpflichtet sich zu konsequenter Haushaltsdisziplin und unterstellt die Finanzgebarung des Staates der Aufsicht eines Völkerbundkommissars. Sie entlässt 84000 Beamte und kürzt die Sozialleistungen, in Folge verschärft sich die Arbeitslosigkeit. Mit der Einführung des Schillings (1924) wird zwar die Sanierung der Währung abgeschlossen, die Sanierung der Volkswirtschaft, die zudem unter dem Verlust des großen Wirtschaftsraumes der Habsburgermonarchie leidet, gelingt nicht.

Zu den Gewinnern der Inflation gehören die Staaten, die ihre Kriegsschulden loswerden und Spekulanten die mit Krediten Sachwerte kaufen, während auf der anderen Seite Handwerker, Händler, Beamte und Angestellte ihre Ersparnisse verlieren und finanziell ruiniert sind. Diese von der demokratischen Republik betrogenen Kleinbürger wenden sich später den faschistischen Ideologien zu, die versprechen, den Abstieg in das Proletariat zu verhindern.

Nach der Stabilisierung der Währungen kommt es in Europa zum wirtschaftlichen Aufschwung, der jedoch vielfach durch kurzfristige amerikanische Anleihen finanziert wird, wodurch Europa vom amerikanischen Finanzmarkt abhängig wird. Folgerichtig nimmt die "Große Depression" der 30er Jahre von Amerika ihren Ausgang. Am "schwarzen Freitag" (25. Oktober 1929) bricht an der Wall Street ohne feststellbare Ursache eine Panik aus, die die Aktienkurse innerhalb eines Tages halbiert und dann noch weiter abstürzen lässt. Dieser Börsenkrach ist jedoch nicht der eigentliche Grund für die Weltwirtschaftskrise sondern Symptom einer länger bestehenden Entwicklung. In groben Zügen liest sich die Abwärtsspirale so:

 
 
Arbeitsloser in Wien   SA-Werbepostkarte
Im Gegensatz zu den Inflationskrisen der frühen 20er Jahre haben wir es hier mit einer Deflationskrise zu tun, die offensichtlich viel schlimmere Auswirkungen hat und schwerer zu bewältigen ist.

Immer mehr Politiker erkennen, dass eine Lösung der Probleme nur mit massiven staatlichen Eingriffen möglich ist. Legendär ist der keynesianische "New Deal" des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1933-45). Auch die autoritäre Dollfußregierung in Österreich versucht die Probleme mit Bauprojekten (zB Großglockner Hochalpenstraße) zu lindern, doch die Maßnahmen zum Ankurbeln der Volkswirtschaft sind aufgrund der fortgesetzten Sparpolitik nicht ausreichend und Erfolge stellen sich nur schleppend ein.

Arbeitslosenzahlen in Deutschland und Österreich 1922-1938

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4. Österreich - der Staat, den keiner wollte

Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wird am 12. November 1918 die demokratische Republik Deutschösterreich proklamiert. Der neue Staat hat von Beginn an mit einer Fülle von Problemen zu kämpfen. Die Grenzen des neuen Staats sind noch keineswegs festgelegt. In einigen Gebieten (Kärnten, Ödenburg) werden noch Volksabstimmungen über die Zugehörigkeit zu Österreich entscheiden. Vorarlberg, Tirol und Salzburg führen von sich aus Abstimmungen über einen Anschluss an Deutschland bzw. die Schweiz durch, die mit überwältigender Mehrheit gegen Österreich ausgehen. Selbst die Spitzen der provisorischen Regierung sehen Deutschösterreich als Teil des Deutschen Reiches und streben einen Anschluss an Deutschland an. Die Konkursmasse des Habsburgerreiches wird von vielen als nicht lebensfähig angesehen, da sie herausgerissen aus dem großen Wirtschaftsraum der Donaumonarchie, von ehemaligen Märkten und Produktionsstätten abgeschnitten ist. Doch allen Anschlussphantasien macht der Vertrag von St. Germain einen Strich durch die Rechnung indem er ein ausdrückliches Anschlussverbot an Deutschland und die Streichung von "Deutsch" aus dem Namen Deutschösterreich verfügt. Die von außen verordnete Selbständigkeit eines Staates, den viele nicht wollen, lässt nicht gerade optimistisch in die Zukunft blicken. Dennoch versuchen die verantwortlichen Politiker, den neuen Staat auf eine solide Grundlage zu stellen. Noch 1920 beschließt die Koalition die heute noch gültige, von Hans Kelsen ausgearbeitete bundesstaatliche Verfassung. Schon die Wahlen vom Herbst 1920 bringen den bürgerlichen Parteien eine deutliche Mehrheit im Nationalrat, die Sozialdemokraten scheiden aus der Regierung aus, während Wien weiterhin sozialdemokratisch geführt bleibt. Das nächste Jahrzehnt ist geprägt von einem Gegeneinander der drei politischen Lager (Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Großdeutsche).
 
Wahlplakate der Christlichsozialen, Sozialdemokraten und Großdeutschen. Der in deutscher Schreibschrift (Kurrent) geschriebene Text des großdeutschen Plakats lautet: "Bist du ein Deutscher? Dann kannst du nicht für rot oder schwarz stimmen. Wähle großdeutsch!" Das sozialdemokratische Plakat stellt die Sanierung der Staatsfinanzen auf dem Rücken des Volkes zum Wohle (ausländischer) Kapitalisten dar.
Die politischen Lager beginnen bewaffnete Gruppierungen aufzustellen. Die Sozialdemokraten gründen 1923 den "Republikanischen Schutzbund", während die bürgerliche Seite die "Heimwehr" organisiert. Diese Wehrverbände marschieren immer öfter auf und es kommt zu Zusammenstößen in Form von Prügeleien und vereinzelten Schießereien. Zur Katastrophe kommt es aber am 30. Jänner 1927 als bei einem derartigen Zusammenstoß Heimwehrler Schüsse auf Schutzbündler abgeben, bei denen ein Kriegsinvalider und ein achtjähriges Kind getötet werden. Am 14. Juli 1927 werden die Täter vom Schwurgericht in Wien freigesprochen. Wieder einmal werden rechtsgerichtete Täter nachsichtiger behandelt als linksgerichtete, die Einseitigkeit der Justiz zieht sich wie ein roter Faden durch die erste Republik wie auch durch die Weimarer Republik. Dieses Urteil gleicht jedoch dem Funken im Pulverfass. Schon am Morgen des 15. Juli 1927 ziehen tausende Arbeiter durch die Stadt, die sozialdemokratischen Führer verlieren die Kontrolle über die Massen, radikale Demonstranten dringen in den Justizpalast ein, der in Flammen aufgeht. Polizeipräsident Schober will mit Zustimmung der Bundesregierung mit Waffengewalt Ruhe herstellen. 89 Tote und 1057 Verwundete sind die Folge des brutalen Polizeieinsatzes.
 
 

Aus dem Justizpalastbrand schlagen die Christlichsozialen politisches Kleingeld indem sie die Angst vor einem roten Putsch schüren.

Der Bundeskanzler Prälat Seipel steht als Sieger da, während die Ereignisse für die Sozialdemokraten einen schweren Rückschlag darstellen. Die bürgerliche Presse tut so als ob die Revolte von der sozialdemokratischen Führung angezettelt gewesen wäre und schürt damit die Angst vor einem sozialistischen Putsch. Der Boden für ein autoritäres Regime wird bereitet.

Während die Sozialdemokraten eine Abrüstung der Wehrverbände anregen, wird das bürgerliche Lager immer militaristischer, die Heimwehr wird, unterstützt durch Mussolini immer mehr zum politischen Faktor. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise erringen die Sozialdemokraten bei den Wahlen von 1930 die relative Mehrheit, werden aber durch kurzlebige bürgerliche Koalitionen von der Regierung ferngehalten.

Der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, dessen Regierung nur durch eine hauchdünne Mehrheit abgesichert ist nützt den Rücktritt aller drei Parlamentspräsidenten am 4. März 1933, um das Parlament auszuschalten und mit Hilfe des "Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes" von 1917 autoritär zu regieren. Schritt für Schritt werden demokratische Institutionen abgeschafft, Parteien verboten und Anhaltelager (ZB Wöllersdorf) errichtet. Anstelle der christlichsozialen Partei wird als Einheitspartei die "Vaterländische Front" gegründet. Gegen diese Entwicklung leisten die Sozialdemokraten im Bürgerkrieg vom 12. - 15. Februar 1934 bewaffneten Widerstand, der von Polizei und Bundesheer brutal niedergeschlagen wird. Allein der Wiener Schutzbund hat über 1000 Tote zu beklagen. Die sozialdemokratischen Führer sind geflohen, ermordet oder verhaftet, die Opposition ist gelähmt.

Am 1. Mai 1934 wird eine neue Verfassung verkündet, nach der Österreich ein "Christlicher Bundesstaat auf berufsständischer Grundlage" ist. Die Vaterländische Front wird zur Monopolorganisation für die politische Willensbildung. Mit Führerprinzip, Wehrverbänden, Jugendorganisationen, Uniformierung, Großkundgebungen und Massenaufmärschen werden Elemente des Nationalsozialismus kopiert. Österreich trägt alle Merkmale eines faschistischen Staates.

Dollfuß wird am 25. Juli 1934 in einem gescheiterten Naziputsch ermordet, sein Nachfolger Kurt Schuschnigg behält das autoritäre Regime bei.

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Anhang: Begriffserklärungen

Räterepublik: Nach frühsowjetischem Beispiel geschaffene Regierungsform mit folgenden Merkmalen:

Freikorps: nicht rechtsstaatlich legitimierte Freiwilligentruppen bestehend aus ehemaligen und nun arbeitslosen Weltkriegssoldaten.

Versailler Vertrag: der Friedensvertrag, den die alliierten Siegermächte Deutschland aufzwingen, wird in Deutschland als Versailler Diktatfriede bezeichnet und enthält folgende Bestimmungen:

Vertrag von St. Germain: Im Pariser Vorort St. Germain verfügen die Alliierten über Österreich Zentrum: Die katholische Zentrumspartei in Deutschland kann von der Ideologie her am ehesten als Vorläuferorganisation der CDU und als Schwesterpartei der österreichischen Christlichsozialen betrachtet werden.

Völkerbund: Am 29. April 1919 gegründete internationale Staatengemeinschaft mit Sitz in Genf, kann als Vorläuferorganisation der UNO betrachtet werden, hat aber im Gegensatz zu dieser keine militärische Gewalt.

Vertrag von Locarno: (Locarno im Tessin) Deutschland anerkennt die im Versailler Vertrag festgelegte Westgrenze und wird dafür in den Völkerbund aufgenommen, Frankreich beendet die Ruhrgebietsbesetzung, Italien und Großbritannien unterschreiben als Garantiemächte.

Keynesianisch: Der englische Nationalökonom John Maynard Keynes hält in seinem Essay "The End of Laissezfaire" (1926) staatliche Eingriffe zur Verringerung der Deflation und Sicherung der Beschäftigung für nötig.

New Deal: (Neuverteilung der Spielkarten) Maßnahmen des Amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1933-1945) gegen die Wirtschaftskrise; Reform des Finanzsystems (Stützung der Banken, staatliche Einlagengarantie, Überwachung der Börse), Hilfe für Arbeitslose, Sanierung der Landwirtschaft (Prämien für Verringerung der Produktion, Umweltschutzmaßnahmen), Investitionen in Infrastruktur (Staudämme, Bewässerungsanlagen...), Wirtschaftslenkung durch den Staat (Preiskontrolle, Mindestlöhne, Kollektivverträge), soziale Sicherheit.

Ständestaat: Faschistische Diktatur in Österreich von 1933-1938, Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1932-1934), Kurt Schuschnigg (1934-1938). Anstelle eines Parlaments sollen nach der Maiverfassung von 1934 berufsständische Organisationen ähnlich den mittelalterlichen Zünften und Gilden die Vertretung unterschiedlicher Interessen übernehmen. Allerdings wird dabei auf soziale Unterschiede und Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Gegensätze keinerlei Rücksicht genommen. Da die Entwicklung der berufsständischen Organisationen langsam vor sich geht, liegt das Machtmonopol faktisch in den Händen der Einheitspartei "Vaterländische Front".

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Anhang: Literatur

Scheucher etc, Zeitbilder 7, Wien 1993

Heinz Dieter Schmid, Fragen an die Geschichte 4, Frankfurt a. M. 1984

August Nitschke etc., Jahrhundertwende, Der Aufbruch in die Moderne 1880-1930, Hamburg 1990

Hagen Schulze, Weimar, Deutschland 1917-1933, Berlin 1982

Bernhard Denscher, Tagebuch der Straße, Geschichte in Plakaten, Wien 1981

Helmut Weihsmann, Das Rote Wien, Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-1934, Wien 1985

Erika Weinzirl/Kurt Skalnik, Österreich 1918-1938, Graz 1983

Erich Zöllner, Geschichte Österreichs, Wien 1961

Hugo Portisch, Österreich I, Die unterschätzte Republik, Wien 1989

Hanns Leo Mikoletzky, Österreichische Zeitgeschichte, Vom Ende der Monarchie bis zum Abschluß des Staatsvertrages, Wien 1962

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Anhang: Bildnachweis

Karl-Marx-Hof: Bildagentur Buenos Dias, Wien

Ford Fließband: Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin

Großstadt (Otto Dix): Galerie der Stadt Stuttgart

Meisterhäuser des Bauhauses in Dessau (Walter Gropius, 1925/26): Bauhaus-Archiv, Berlin

Volksempfänger (Ingelen): Technisches Museum, Wien

Inflationsgeld: Deutsche Bundespost, Bonn

Arbeitsloser: Österr. Institut für Zeitgeschichte, Wien

SA-Werbepostkarte: Text des Horst-Wessel-Liedes, Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin

Christlichsoziales Wahlplakat: Graphische Sammlung Albertina, Wien

Sozialdemokratisches Wahlplakat: Wiener Stadt- und Landesbibliothek

Großdeutsches Wahlplakat: Graphische Sammlung Albertina, Wien

Christlichsoziales Wahlplakat (Justizpalastbrand): Inhaber der Rechte unbekannt.

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